Über die Sehnsucht

Manchmal, als Kind, bin ich im Garten meines Großvaters auf einen Baum geklettert.
Ich war dann der festen Überzeugung, von da oben bis ans Ende der Welt blicken zu
können. Als Kind hab ich oft und gerne geträumt. Also tagsüber. Nachts war das
damals ganz anders. Aber die Tagträume waren für mich eine Möglichkeit, in ferne
fantastische Welten zu reisen und vor allem viel besser und viel weiter sehen zu
können. Es tat mir einfach gut, da oben auf dem Baum zu sitzen und mich ganz groß
zu fühlen. Ab und zu hatte ich dann eine Rolle aus Pappe oder Papier dabei, die ich
als Fernglas nutzte. Und schon konnte ich noch viel weiter sehen. Vor allem aber
konnte ich mich auf einen bestimmten Punkt konzentrieren; konnte fokussieren und
ganz genau hinsehen – und ich sah ein Blatt oder einen Käfer oder eine Wolke am
blauen Himmel ganz genau an.
Und wenn ich dann wieder zurück ins Haus ging, war ich ein kleines bisschen
glücklicher. Ich wusste damals noch nicht, dass ich eine große Sehnsucht in mir hatte
– eine Sehnsucht nach einem tieferen Sinn in meinem Leben, nach einer besonderen
Erfüllung – ich war damals schon auf der Suche nach dem, was mein Leben wirklich
lebendig machen konnte.
Vielleicht ging es Zachäus ja genauso? Er hatte eine große und tiefe Sehnsucht in sich,
er spürte, dass ihm in seinem Leben etwas Wesentliches fehlte. Ganz tief wusste er,
dass er auf etwas, auf jemanden ganz besonderes wartete. Und als er hörte, dass
Jesus kommt, stieg er auf einen Baum – er wollte Jesus besser sehen können.
Vielleicht hätte er sogar ein Fernglas mitgenommen, wenn es so etwas damals schon
gegeben hätte. Und natürlich wäre Zachäus nicht auf Dauer da oben geblieben – nur
diesmal war es so, dass Jesus selbst ihn ansprach und vom Baum runter holte.
Jesus wollte im Haus von Zachäus zu Gast sein. Und das kam sehr schlecht an, bei den
anderen. Die waren wahrscheinlich neidisch auf Zachäus. Und dann spielte ja noch
mit, dass Zachäus ein Sünder war, weil er als Zöllner, als oberster Zollpächter sehr
viele Möglichkeiten hatte, den Menschen ungerechtfertigt das Geld aus der Tasche zu
ziehen und deswegen sehr reich war.
Zachäus wurde durch den Besuch von Jesus in seinem Haus bekehrt, er versprach,
das ganze Geld zurückzuzahlen, und nicht nur einfach, sondern gleich vierfach – und
auch den Armen viel Geld zu geben.
Die Menschen, die neidisch auf Zachäus waren, haben eines nicht begriffen: Jesus
kommt exemplarisch zu Zachäus. Das heißt, er kommt zu ihm und setzt zugleich ein
Beispiel für alle anderen Menschen auch. Jesus will zu allen Menschen kommen,
gerade aber zu denen, die sich falsch verhalten haben, und will sie zum Umdenken
bringen. Und Jesus sagt uns heute im Evangelium:
„Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“
Welche Sehnsucht habe ich, welche Sehnsucht hast du, welche Sehnsucht haben Sie
in Ihrem Leben? Trauen Sie sich eigentlich, dieser Sehnsucht nachzuspüren, ihr Raum
zu geben? Wo steigen Sie auf einen Baum – im übertragenen Sinn oder auch mal
tatsächlich im Namsan-Park – um einen besseren Überblick zu bekommen über Ihr
eigenes Leben?
In welchem Bereich Ihres Lebens, an welchem Ort fehlt mir Jesus? Wo gilt es,
umzukehren? Wo habe ich andere Menschen übervorteilt? Wo sollte ich die Armen
mehr in den Blick nehmen?
Stellen wir uns diesen Fragen. Jesus fordert uns dazu heraus. Denn er möchte heute
bei uns zu Gast sein.Ihr und euer Diakon Edgar

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