Zwischen Karfreitag und Hoffnung

Predigt zu Karfreitag 2022

Eigentlich bin ich ja Realist. Ein Realist ist jemand, der die Dinge des Lebens sieht wie sie sind. Das Gute und das Negative. Der kritisch unterwegs ist – im positiven Sinne. Als Seelsorger seit 30 Jahren und natürlich auch als Notfallseelsorger, inzwischen seit 23 Jahren, werde ich immer wieder konfrontiert mit den Realitäten des Lebens. Ich habe unendlich viel Gutes gesehen und erlebt. Ich habe aber auch Gewalt und Missbrauch und Mobbing, Suizid und Trunkenheit am Steuer, plötzlichem Kindstod und vernachlässigte Kinder, sowie Mord und Totschlag erlebt – es gibt eigentlich nichts auf der Liste der besonders leidvollen Erfahrungen, die Menschen so machen müssen, was ich nicht erlebt habe. Dazu kommen dann noch schwere und schwerste Krankheiten – und ich denke, dass wir diese Liste noch eine Weile fortführen könnten.

Diese Welt ist nicht einfach „gut“, dieses Leben ist nicht einfach „schön“. Verschuldet oder unverschuldet – es gibt so vieles, was uns das Leben kaputt machen kann und kaputt macht. Und da ist es doch gut, wenn man das alles als Realist anschaut. So ist das eben. 

Aber…

Liebe Schwestern und Brüder,

manchmal… manchmal bin ich aber ziemlich naiv. Dann denke ich mir: Es liegt zwar vieles im Argen, und es gibt viel Böses und Negatives und Leidvolles auf der Welt. Aber ich hab doch meinen Glauben. Ich hab doch diesen Glauben an jenen Jesus Christus, den ich Heiland nenne. Und Heiland zu sein heißt doch, alles wieder heil zu machen. Oder?

Dieser Jesus, der soviel Gutes getan hat. Er hat Menschen geheilt von schweren Krankheiten, er hat von körperlichen oder geistigen Einschränkungen befreit, er hat erzählt von einer wunderbaren Welt, Reich Gottes genannt, er hat ganz neue Maßstäbe gesetzt mit seiner Ethik, den Nächsten radikal zu lieben, sogar den Feind zu lieben. Und sich selbst auch noch zu lieben.

Er hat gesagt, dass wir nicht seine Knechte und Mägde sind, sondern Freunde und Freundinnen. Auf Augenhöhe also mit ihm unterwegs sind.

Und er hat gesagt, dass wir seine Kirche sein sollen. Also – in seinem Namen unterwegs. Uns mit seinen Zielen identifizieren. Seine Botschaft weiter tragen.

Die Botschaft von einem Frieden auf Erden. Und davon, dass wir einander nicht schaden sollen. Dass wir einander annehmen sollen, wie wir sind. Dass wir alle, ganz gleich ob Mann oder Frau, gleich sind vor Gott.

Als Jugendlicher, in der 10. Klasse zum Beispiel, war ich verschrien als Träumer. Ich vertrat nämlich damals die Position, dass diese Kirche hilfreich sei, dass sie im Sinne Jesu unterwegs sei, dass sie als eine der wenigen Institutionen in der Welt den Menschen als Mensch sieht und nicht als Funktionsträger. Ich erlebte die Kirche als einen Schutzraum, gerade für Menschen in großer Not. Es war mir wichtig, für diese Kirche zu arbeiten, daher habe ich Theologie studiert und mich schließlich ganz und gar in den Dienst nehmen lassen, als Diakon.

Und es gibt soviel Gutes in der Kirche! Ganz aktuell der Umgang mit den Flüchtlingen aus der Ukraine. Hier findet viel Segensreiches statt, um zumindest die größte äußere Not zu lindern.

Viele, viele andere Projekte der Kirche helfen und lindern Not und betreuen und beraten und beschützen unzählige Menschen. Da ist es doch nicht naiv, dieser Kirche zu vertrauen!

Und dann wurde ich von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt leider immer vertrauter mit der Kehrseite dieser Kirche. Ich hab am eigenen Leib und an der eigenen Seele immer wieder erlebt, wie Vorgesetzte ihre Macht missbrauchten. Von Augenhöhe keine Rede. Auch nicht vom Fördern der eigenen Charismen. Ich konnte damit lange umgehen. Aber mit der Zeit bekam ich Kenntnis von sexueller Gewalt an Frauen. In den Familien, ja, in den Betrieben, auch. Aber eben auch in der Kirche. Dann erfuhr ich – und meine Naivität bekam einen noch größeren Knax – von sexualisierter Gewalt an Kindern durch Priester. Dazu vom geistlichen Missbrauch. Und immer klarer wurde der ebenfalls zutiefst evangeliumswidrige Umgang mit Menschen, die als Geschöpfe Gottes anders lieben und anders leben, als es im Katechismus steht. Eine Frau, die eine andere Frau liebt und mit ihr zusammen leben will. Zum Beispiel. Dafür aber zutiefst verdammt wurde und oft noch wird. Und ich habe mir die Frage gestellt, nach welchen Kriterien hier argumentiert wird. Ich bin ein großer Befürworter der Ehe von Mann und Frau. Ich lebe in einer solchen Ehe seit 31 Jahren und das ist auch ein zukunftsfähiges Modell. Aber darf ich deswegen hingehen und Menschen, die anders leben und anders fühlen und anders lieben, ausschließen aus der Gemeinschaft der Kirche?

Dürfen wir einfach alle Erkenntnisse der Wissenschaft zu diesen Themen komplett ausblenden? Sind wir denn ein so exklusiver Club, der auf jeden Fall immer Recht hatte und Recht hat und Recht haben wird, dass wir das Menschenbild Gottes einfach links liegen lassen können? Alle Menschen sind Geschöpfe Gottes! Wer sind wir denn, dass wir jetzt sagen: Also bei 10 Prozent der Menschheit hat Gott aber grundlegende Fehler gemacht! Das müssen wir aber ausbessern! 
Und dann gibt es ja noch das Argument, dass wir die kirchliche Lehre nicht einfach verändern können und dürfen. Das ist natürlich richtig. Wir brauchen einen klaren Rahmen, an dem wir uns festhalten können. Jede Religion braucht das. Aber es ist ja nicht so als wäre die Lehre der Kirche noch nie verändert worden. Papst Johannes XXIII. hat den Monogenismus abgeschafft. Das war die Lehre, dass die gesamte Menschheit von einem einzigen Menschenpaar, Adam und Eva, abstammt.

Mit dem zweiten Vatikanischen Konzil wurde zudem etwas möglich, das vorher absolut tabu war – Ökumene zum Beispiel. Oder das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionen.

Papst Benedikt XVI. hat 2007 festgestellt, dass es keinen Limbus Puerorum gibt. Das war kirchliche Lehre: die vor der Taufe gestorbenen Kinder sollten nicht in den Himmel kommen, sondern in einen Vorraum der Hölle. Änderung der kirchlichen Lehre.

Papst Franziskus hat 2017 den Katechismus geändert und festgestellt, dass die Todesstrafe unzulässig und im Gegensatz zum Evangelium steht. Er änderte ebenfalls die offizielle kirchliche Lehre.

Gerade diese Entscheidungen zeigen, dass die Kirche lernfähig ist. Der Katechismus muss immer wieder überprüft werden, an welchen Stellen er sich gegen das Evangelium stellt. Und das muss auch weiterhin die oberste Direktive sein. Es gibt nichts höheres und nichts wichtigeres als das Evangelium. 

Liebe Schwestern und Brüder,

heute ist Karfreitag. Es ist letztlich zusammen mit Gründonnerstag der zweithöchste Feiertag der Kirche, in der wir ständig Tod und Auferstehung feiern. Jesus Christus wurde gekreuzigt – für uns. Für die Kirche. Für die Sünden und schweren Verfehlungen dieser Kirche und von uns allen.

Jesus Christus hat – und das ist auch katholische Lehre – alle unsere Schuld auf sich genommen, nicht nur die Schuld der Menschen bis zu seinem Tod am Kreuz. Das befreit uns aber nicht davon, unser Handeln immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Ist das, was ich tue, ist das, was die Kirche tut, im Sinne des Evangeliums? Da ist noch sehr viel Luft nach oben. 

Damit es Ostern werden kann in der Kirche, braucht es mehr als ein Abwarten einiger Stunden, bis dann morgen Abend die erste Osternacht stattfindet. Es braucht eine radikale Umkehr, immer wieder, jeden Tag neu, auf allen Ebenen von uns als Pfarrei bis zum Vatikan.

Ich bin da naiv. Wir schaffen das.

Ich bin aber auch Realist. Wir schaffen das.

Amen.

Entdecke mehr von Edgars Reiseblog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen