Zeit, sich zu verabschieden

Predigt am 14.04.2022, Gründonnerstag

Es ist Zeit.

Zeit, sich zu verabschieden.

Das müssen die Jünger aber noch begreifen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wir feiern heute Abend das letzte Abendmahl. Nein, nicht für uns. Denn wir werden immer wieder Abendmahl feiern – wir sind in der glücklichen Lage, jeden Sonntag oder auch Tag für Tag Eucharistie feiern zu können und zu feiern zu dürfen.

Wir feiern aber die Erinnerung an das letzte Abendmahl, das die Jünger mit Jesus zusammen hatten.

Und daraus ergeben sich ein paar Überlegungen, die Ihnen heute Abend mitgeben möchte.

 

Die erste Überlegung ist: Was, wenn doch? Wenn das heute Abend tatsächlich die letzte Gelegenheit wäre, Eucharistie zu feiern?

Wer von uns weiß denn schon, was auf uns wartet? Wer von uns kennt denn die Zukunft, und wenn es auch nur die absolut nahe Zukunft der nächsten Stunden wäre? Wer von uns weiß denn, wie lange sie oder er noch leben wird?

Und wenn wir diesem Gedanken zustimmen – und das müssen wir ja wohl alle – mit welcher Haltung bin ich denn heute Abend hier? Mit welcher Einstellung gehe ich nachher zum Empfang der Kommunion? Immerhin empfange ich den Leib des Herrn, des Messias, des Erlösers, also Jesu Christi Leib! Und das, was vorher geschieht, hier am Altar, das ist die Vergegenwärtigung dessen, was damals passiert ist. Das, was damals passierte, passiert auch heute. Und zwar dadurch, dass wir als Gemeinde versammelt sind – das ist immer die Voraussetzung für einen katholischen Gottesdienst – und wir dann gemeinsam mit dem Priester eintauchen in das Hochgebet, in das große Gebet vor Gott und zu Gott, und den Heiligen Geist bitten, dass er wirke. Der Priester bittet Gott: „Sende deinen Geist auf die Gaben von Brot und Wein“ – damit diese Gaben Leib und Blut Christi werden.

Und wenn dann der Diakon sagt: „Geheimnis des Glaubens“, dann geht es nicht um ein Geheimnis, das vielleicht in einem Kriminalroman eine große Rolle spielen könnte. Viel besser würde hier passen, von einem Mysterium zu sprechen. Dieses Mysterium bringt uns einem klaren Bekenntnis: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Das ist die Grundlage unseres ganzen Lebens, das wir als Christin, als Christ führen sollen und wollen. Den Tod Christi verkünden und seine Auferstehung preisen. Ich wünsche mir, dass Sie darüber auch noch zu Hause nachdenken. Denn das ist das Beste, was wir machen können.

Und so lautet die Antwort auf die erste Überlegung: Wenn wir heute Abend tatsächlich zum letzten Mal Abendmahl feiern würden, dann wäre es aber mit der Überzeugung geschehen, dass dieses Mahl eine zentrale Bedeutung in unserem Leben hatte.

Die zweite Überlegung geht in eine andere Richtung:

Was ist denn eigentlich danach? Nach dem letzten Abendmahl?

Damals war es eine Nacht des Gebets, der Verzweiflung und dann der Gefangennahme – und damit der Beginn des Leidenswegs von Jesus Christus. Die Jünger haben lange gebraucht, um das einzuordnen und zu verstehen. Viele haben sich abgewandt – denn damit hatten sie nicht gerechnet. Aus der Passion wissen wir, dass die Jünger durchaus bereit waren, für Jesus zu kämpfen – aber den Kern seiner Botschaft hatten sie noch nicht verstanden, also die radikale Botschaft von Frieden und Gewaltlosigkeit, zudem die Botschaft der Vergebung der Sünden und außerdem noch die  Botschaft der Überwindung des Todes durch die Auferstehung – all das brauchte Zeit, um im Glauben angenommen zu werden. Dabei hatten die Jünger drei Jahre Zeit gehabt, vertraut zu werden mit der frohen Botschaft, die Jesus verkündet hatte. Sie hatten Freude und Leid und Trauer und Hoffnung mit ihm geteilt und besprochen und in unzähligen Gleichnissen immer wieder neu den Ruf gehört, sich auf das Reich Gottes vorzubereiten und es in das eigene Leben zu lassen.

Und wir? Mit welchen Gedanken gehen wir nachher nach Hause? Obwohl – die Frage stellt sich schon vorher. Nämlich jetzt und hier – und im Anschluss an den Gottesdienst bei der Gebetsstunde. Wie viel von mir, von meinen Problemen und Gedanken und Sorgen und Unzulänglichkeiten vertraue ich Christus an?  Und andersrum – wie viel von seiner Botschaft bin ich bereit, in mein Leben und mein Denken und auch in mein Handeln zu übernehmen? In welchen Lebensmomenten diene ich dem Nächsten? Und wo werde ich erfahren als gläubiger Mensch, der aus dem Glauben an die Auferstehung lebt und Jesus Christus als  Quelle und Grund der Hoffnung hat?

Die Antwort auf die zweite Überlegung, auf die zweite Frage nach dem danach lautet also: Durch die Begegnung mit Jesus Christus im Abendmahl können wir uns inspirieren lassen, stärken lassen, können wir neuen Mut fassen, können wir uns neu dafür entscheiden, in seiner Nachfolge unterwegs zu sein.

Eine dritte Überlegung habe ich noch:

Was machen wir dann eigentlich in den eucharistielosen Zeiten? Also morgen zum Beispiel. Da ist Karfreitag. Morgen und übermorgen, am Karsamstag, wird nirgendwo Eucharistie gefeiert. Und der Brauch, am Karfreitag die Kommunion zu empfangen, ist zumindest hinterfragbar. Schließlich ist die Eucharistie Zeichen und Vergegenwärtigung von Tod UND Auferstehung Jesu Christi. Soweit sind wir aber morgen noch nicht.

Eine Zeit ohne Eucharistie verweist uns aber nicht nur auf die Zeit zwischen Gründonnerstag und Osternacht. Da ist es besonders intensiv.

Nein. Eine Zeit ohne Eucharistie bewirkt zweierlei. Zum einen werden wir daran erinnert, dass wir die Bibel, die Heilige Schrift, als wichtigste Grundlage unseres Glaubens haben. Und gerade die nächsten Tage und Wochen laden sehr intensiv ein, sich mit der Bibel zu beschäftigen. Ich schlage vor, einfach mal im Lukasevangelium zu blättern. Und dann anzufangen mit dem Lesen. Es lohnt sich hundertfach.

Zum anderen sind wir hier in der deutschen katholischen Kirche geradezu luxuriös versorgt mit Eucharistiefeiern. Allein heute Abend finden in einem Umkreis von 30 Kilometern weit mehr als 200 Messfeiern statt. Im Vergleich zu anderen Gegenden unserer Welt ist das exorbitant viel. In Brasilien oder in Afrika gibt es vielleicht alle 100 oder 200 km mal eine Heilige Messe, wenn überhaupt. Und gerade in solchen Gegenden habe ich eine tiefe Freude am Glauben vorgefunden. Eine Freude, die noch bedeutsamer wird, wenn man sich klar macht, in welcher Armut die Menschen da leben. Manchmal denke ich: Je weniger jemand an Besitz hat, desto offener ist er für die Botschaft des Evangeliums. Und dann denke ich daran, wie viel ich selbst besitze und wie gut es mir finanziell doch geht.

Die Menschen zur Zeit Jesu haben sich nach Tod und Auferstehung mit dieser Frage beschäftigt. Jesus war nicht mehr da, spätestens nach Christi Himmelfahrt war er nicht mehr greifbar. Aber mit Hilfe des Heiligen Geistes haben sie sich zusammen gefunden, ihren Besitz geteilt und gemeinsam Tod und Auferstehung gefeiert und gelebt.

Und das könnte doch die Antwort auf die dritte Frage sein. Wenn wir die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt unseres Glaubens begreifen wollen, wie es das zweite Vatikanische Konzil verkündet hat, dann ist sie einerseits sehr hoch zu schätzen – andererseits kann niemand sein Leben nur in Höhepunkten gestalten. Es gibt dazwischen immer den Alltag. Und der sollte inspiriert sein von dem, was wir in ein paar Minuten hier am Altar feiern werden, nämlich:

Die Eucharistie als zentrale Bedeutung in unserem Leben zu begreifen, sich inspirieren und stärken lassen, in seiner Nachfolge unterwegs zu sein, den Besitz zu teilen und gemeinsam Tod und Auferstehung feiern und leben.

Amen.

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