Sein Friede

09.05.2010 Predigt zum 6. Ostersonntag
„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch…“

Liebe Schwestern und Brüder,

Es gibt Tage, da könnte man für ein und denselben Gottesdienst mehrere Predigten schreiben. Die Ereignisse haben sich im Bistum Augsburg – schon wieder – überschlagen. Seit heute Mittag haben wir keinen amtierenden Bischof mehr; Weihbischof Grünwald steht als Diözesanadministrator vor großen Aufgaben und das Bistum insgesamt steht sicherlich vor einer schweren Herausforderung, vor einem entscheidenden Neuanfang. Wie der gelingen kann und was dafür zu tun ist, wird die Zeit zeigen.

Was aber unabdingbar ist, das ist der regelmäßige und intensive Blick in das Evangelium. Wahrscheinlich sollten wir uns gar nicht so viele Sorgen machen! Schauen wir hinein in das heutige Evangelium! Hier spricht Jesus ein Thema an, das wir gerade heute und in unserem Bistum so dringend brauchen – Das Thema Frieden.

Frieden – das ist so ein zerbrechliches Wort! Es ist schnell ausgesprochen und ebenso schnell wieder verklungen – das Wort vom Frieden! Doch wie wenig reicht aus, um diesen Frieden zu zerstören? Hier eine ungeschickte Geste, dort ein unbedachtes Wort, …schon der bloße Verdacht, es könnte etwas nicht stimmen, genügt, und es ist Essig mit dem Frieden unter uns Menschen.

Und deshalb dauern Friedensprozesse auch so lange. Ob in Nordirland, im Baskenland, in Nahen Osten, ob in vielen Staaten Afrikas oder in Asien   …   ob in Afghanistan und Pakistan, in Tibet, in Thailand,…   In vielen Ländern der Erde gibt es keinen Frieden zwischen den Menschen. Oder er ist in höchstem Maße bedroh. Wie schwer ist es immer wieder, die streitenden Parteien an einen Tisch zu bekommen!

Dabei wünschen sich viele Menschen nichts sehnlicher als dauerhaften Frieden – so wie wir ihn nun seit über 65 Jahren in unserem Land erleben dürfen. Frieden ist ein Geschenk des Vertrauens. Er lässt sich nicht dauerhaft erzwingen – selbst dann nicht, wenn Menschen wieder nach einem großen und starken Mann zu rufen, der ein Machtwort spricht und sei es mit einem militärischen Schlag, nur damit „Frieden“ einkehrt.

Denn –  ein erzwungener Friede wäre bestenfalls ein „fauler Frieden“, weil er nur so lange halten wird, bis der Druck der Mächtigen zu schwach geworden ist und die alten Konflikte wieder zutage treten können. Dafür gibt es genügend Vorbilder in der Geschichte – Denken Sie an die „Pax romana“ im alten Rom oder an die Machthaber im ehemaligen Ostblock, die sich nur mit Druck, Überwachung und Gewalt ihre Posten sichern konnten.

Wer bisher Konflikte dauerhaft lösen und Frieden schaffen wollte, kam an dem langen und mühsamen Weg der gegenseitigen Annäherung, des kennenlernens und der Verständigung nicht vorbei.

Und dann hören wir diesen Jesus, der uns verkündigt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“

Jesus beansprucht, etwas Besseres anbieten zu können, als es weltliche Sicherheitskonferenzen und Friedensgesprächen tun.

Auf den ersten Blick machen uns die frühen Christen nicht viel Hoffnung, weil bereits in der Apostelgeschichte uns von einem tiefgehenden Konflikt in der jungen Kirche berichtet wird. Damals gab es Streit, heftigen Streit! Es ging darum, ob Menschen, die aus der römisch-griechischen Kultur kamen und sich taufen lassen wollten, sich wie Juden erst einmal beschneiden lassen mussten. Jüdische Christen taten sich sehr schwer damit, wenn jüdische Sitten missachtet wurden und man beispielsweise Schweinefleisch aß oder den Sabbat nicht wie vorgeschrieben einhielt.

Es kam deshalb zu einer Zusammenkunft, die wir heute „Apostelkonzil“ nennen. Es gab  durchaus heftigen Auseinandersetzungen und das ist etwas, was mir auf den ersten Blick  wenig Hoffnung macht. Wenn ich aber genauer zu lesen beginne, fällt mir beim zweiten Blick auf, wie respektvoll bei der Vorbereitung miteinander umgegangen wurde und wie intensiv man miteinander um die Lösung des Konflikts gerungen hat.

Wer so trotz Auseinandersetzung und Streit so miteinander umgeht, kann nur etwas von dem haben, war uns Jesus mit seinem Wort vom Frieden angekündigt hat. So gesehen kann uns das Ergebnis des Apostelkonzils nicht mehr überraschen: die alte, vom Judentum geprägte Kirche in Jerusalem lässt die jungen, griechisch denkenden Gemeinden tatsächlich neue Wege gehen. Christen, die ehemals Heiden waren, müssen vor der Taufe nicht mehr die alten jüdischen Traditionen annehmen.

So eine Streitkultur, so einen Umgang miteinander: das würde ich mir auch für unsere Zeit wünschen! Auch in der Kirche unserer Tage wird heftig gerungen: Beispielsweise darum, ob wir nun konsequent die neuen Wege des letzten Konzils gehen sollen, oder ob die alten, vorkonziliaren Wege die besseren wären. Leider fehlt der Mut, es so zu machen wie es damals die Apostel taten: Heftig diskutieren…   ja: auch streiten…   und dabei doch respektvoll miteinander umgehen. Das scheint doch eine gute Voraussetzung für eine tragfähige Zukunft der Kirche zu sein, die von allen mitgetragen wird. Stattdessen scheint man sich wieder lieber auf ein Machtwort von oben verlassen zu wollen und hofft darauf, mit diesem andere Meinungen unter Kontrolle halten zu können.

Dabei gäbe es so vieles zu besprechen und zu klären:

Es zerbrechen immer mehr Ehen. Gerade die von Scheidung betroffenen Familien bräuchten den Beistand der Kirche – besonders dann, wenn sich ein neuer Partner findet, mit dem wieder eine Beziehung gewagt werden kann. Wie kann Kirche in überzeugender Art und Weise mit von Trennungen betroffenen Familien umgehen und Möglichkeiten aufzeigen, wenn neue „Patchwork-Familien“ entstehen? Dürfen wir diesen Paaren wirklich weiterhin die Tür weisen?

Oder: Wie können Priester künftig leben, wenn sie von der Zahl her immer weniger und ihre Zuständigkeitsbereiche immer größer werden? Damit ist nicht in erster Linie der Zölibat gemeint. Seine Abschaffung ist für mich kein Allheilmittel. Andererseits ist er in der mit Rom unierten Ostkirche kein Thema – dort sind Priester ganz selbstverständlich verheiratet.

Über solche Themen lässt sich trefflich diskutieren und durchaus auch streiten. Wir werden von anderen daran gemessen, wie wir das tun – gerade von den vielen, die derzeit aus unserer Kirche austreten. Mit Blick auf das Apostelkonzil kommen wir als Kirche und in der Kirche, um einen echten und aufrichtigen Dialog zwischen der Kirchenführung und dem Kirchenvolk schon lange nicht mehr herum. Dieser Dialog hätte schon längst begonnen werden müssen, nicht erst jetzt aufgrund der jüngsten Skandale.

Ich wünsche mir deshalb einen solchen Dialog in der Gemeinde und in der Kirche, an dem sich alle beteiligen können, von dem auch nicht von vornherein kritische Geister ausgeschlossen werden…

Ich wünsche mir einen Dialog, der auf andere hinhört, sich zu Herzen gehen lässt, was ihnen Sorgen bereitet und der im Geiste Christi neue Wege sucht. Das war bisher immer die Stärke von uns Christen, wenn wir dem nachgespürt haben, was Gott nun von uns erwartet.

Dann wird ein Friede entstehen, der sich deutlich von dem unterscheidet, was von den Mächtigen der Welt in Friedenskonferenzen beschlossen wird. Es ist ein Friede, der von Christus ausgeht.

Sein Friede sei mit Euch!

Amen.

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