Hingehen – Dasein – Aushalten: Notfallseelsorge als zutiefst diakonische Aufgabe der Kirche 

26.12.2023
1. Einführung

Der Mann schaut uns fassungslos an. Soeben hat ein Polizeibeamter ihm mitgeteilt, dass seine Frau und sein Kind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Ein Autofahrer hatte die Vorfahrt missachtet – dieser hatte schwer verletzt überlebt, aber für die Frau und ihr Kind im anderen Fahrzeug war jede Hilfe zu spät gekommen.
Drei Stunden später stehen wir vor der Tür des Einfamilienhauses. Es ist spät abends und der Mann ist der Meinung, seine Familie müsste inzwischen bei den Großeltern angekommen sein. Statt des erwarteten Telefonanrufs seiner Frau klingeln nun wir an der Tür und bitten ihn, ins Haus kommen zu dürfen.
Wenn zwei Polizeibeamte in Uniform zusammen mit einem Seelsorger an der Haustür klingeln, dann ist das eine Situation, die sich niemand herbei wünscht. Für die Menschen, die uns die Tür aufmachen, ist sehr schnell klar, dass etwas ganz Außergewöhnliches, für sie Dramatisches passiert sein muss.
So erging es auch diesem Mann. Er ließ uns ins Haus hinein, aber gleich im Hausflur fragte er: „Was ist denn passiert?“ Der Polizist sprach dann aus, was das Leben des Mannes in der Folge komplett auf den Kopf stellen, was ihn aus der Bahn werfen und sein Denken, sein Fühlen und seine Handlungsfähigkeit vorerst komplett lähmen sollte.
Ich selbst war zuvor am Unfallort gewesen und hatte die zerstörten Autos gesehen. Mit großem
technischem Aufwand hatte die Feuerwehr beide Autos aufgeschnitten, um die Verstorbenen zu bergen und den Überlebenden zu retten. Polizei und Feuerwehr hatten alle Hände voll zu tun, die vielen gaffenden Menschen vom Einsatzort fernzuhalten. Viele filmten den Einsatz und sehr bald war das erste Video im Internet zu finden.
Meine Aufgabe war es, zwei Unfallzeugen zu betreuen und eine Aussegnung der Toten vorzunehmen. Die Feuerwehrleute schlossen sich dem Gebet an – so eine Situation nimmt manchmal auch sehr erfahrene Einsatzkräfte mit.
Die Eindrücke und Bilder vom Unfallort waren wichtig für mich, als ich dann beim Ehemann und Vater war, um ihm beizustehen. Er wollte alles ganz genau wissen, er fragte mich sogar nach der Farbe der Jacke seiner Frau und dem Nummernschild des Autos. Immer wieder versuchte er, uns zu beweisen, dass wir Unrecht haben, dass es sich bei den Verstorbenen um ganz andere Menschen handeln würde und dass das alles nur ein riesengroßes Missverständnis sei.
Seine Fragen, seine Verzweiflung, seine Perspektivosigkeit, die ihren Ausdruck in einer unstillbaren, wortlosen Sehnsucht fand – all das erleben wir in der Notfallseelsorge immer wieder.
Es sind normale, menschliche Reaktionen auf ein völlig unnormales, unerwartetes und potentiell
traumatisierendes Ereignis, durch das jemand gestorben ist.
Die Notfallseelsorge kümmert sich dabei vor allem um Menschen, die einen oder mehrere liebe
Angehörige oder Freunde in den Tod verloren haben. Dabei geht es um Suizid und tödlichen
Verkehrsunfall, den Plötzlichen Säuglingstod und die Überbringung von Todesnachrichten.
Wir kümmern uns um Augenzeugen und um Menschen, die (objektiv tatsächlich oder subjektiv so
bewertet) in Todesgefahr gewesen sind, zum Beispiel nach einem Banküberfall oder einem Hausbrand.
Und schließlich betreuen wir auch Menschen bei einem Großschadensfall, z.B. bei einem Zugunglück, einer Massenkarambolage auf der Autobahn, einem Flugzeugabsturz oder nach einer Flutkatastrophe oder einem Wirbelsturm.
Der Dienst der katholischen Notfallseelsorge ist ein Bereitschaftsdienst, der als Ziel hat, 24 Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr Kirche erreichbar zu halten – für Polizei und Feuerwehr und den Rettungsdienst. Wir sind dabei ökumenisch aufgestellt und arbeiten eng mit der evangelisch-lutherischen Kirche zusammen. Da wir noch zu wenige Mitarbeiter haben, ist eine durchgängige Erreichbarkeit im Moment noch nicht realisierbar.
Wir haben aber Kooperationspartner bei den Rettungsdiensten. Die verschiedenen Einrichtungen
stellen eigene Teams auf, die als Kriseninterventionsdienste ebenfalls Tag und Nacht erreichbar sein wollen – und auch noch zu wenig Personal haben.
Christliche Notfallseelsorge und säkulare Kriseninterventionsdienste decken daher im Wechsel den Dienstplan ab, so dass die gewünschte Erreichbarkeit sicher gestellt wird. Wenn ein Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes für die ihm anvertrauten Menschen im Einsatz zusätzlich einen Seelsorger braucht, fordert er diesen über eine eigene Rufnummer an.
Im Einsatz fordern Notarzt, Feuerwehr oder Polizei die Notfallseelsorge an; diese wird dann von der Rettungsleitstelle über Handy oder Funkmeldeempfänger alarmiert. Der Notfallseelsorger fährt zum Einsatzort, bekommt vom dortigen Einsatzleiter die genaue Lagebeschreibung und fängt an, Unfallbeteiligte, Zeugen oder Angehörige zu betreuen.
Oder er begleitet die Polizeibeamten, die von Amts wegen diese Aufgabe haben, bei der Überbringung der Todesnachricht. Die Beamten können dann bald wieder gehen, weil der Notfallseelsorger bei den Menschen bleibt – oft mehrere Stunden.

2. Biblische Impulse
Jesus Christus hat uns gezeigt, dass wir als Nächster für den anderen da sein sollen. Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) zeigt er deutlich auf, dass die Hinwendung zum Nächsten, der in einer Notlage ist, nicht abhängig gemacht werden darf von der Situation desjenigen, der helfen könnte (Priester und Levit helfen ja deswegen nicht, damit sie nicht kultisch unrein werden).
Einzig und allein zählt die Situation des Hilfsbedürftigen, der verletzt und ausgeraubt auf der Straße liegt.
Leider hat sich hier bis zum heutigen Tag nicht viel geändert – viele Menschen schauen lieber
wegschauen, als in einer Notlage zu helfen – oder aber sie nehmen ihr Smartphone, filmen die
Situation und das Leid und stellen das Video ins Internet. Dieses Verhalten steigert sich zuweilen bis zur Behinderung der Einsatzkräfte.
Die Zuwendung zum Anderen, zum Menschen in Not, setzt dagegen eine entsprechende innere Haltung voraus, die sich durchaus lernen lässt. Der erneute Blick auf Christus hilft hier entscheidend weiter:
Er hat seinen Aposteln die Füße gewaschen (Joh 13,1-11) und damit die Grundlage für jegliche
Diakonia in der Kirche gelegt. Die Erkenntnis, dass Petrus dadurch Anteil an Christus hat, dass dieser ihm die Füße wäscht, zeigt auf, dass wir durch den Dienst am Nächsten nicht nur im Sinne Christi handeln, sondern zutiefst mit ihm verbunden sind – und das ist ein heiliges Geschehen, weil es heilbringend ist.
Lernen können wir auch aus dem Ersten Testament. Es ist Tobit, der seinen Sohn Tobias seine
Grundethik des Lebens und des moralisch guten Umgangs mit anderen Menschen lehrt:
„Sei nicht kleinlich, wenn du Gutes tust. Wende deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden. Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. Auf diese Weise wirst du dir einen kostbaren Schatz für die Zeit der Not ansammeln. Denn Gutes zu tun rettet vor dem Tod und bewahrt vor dem Weg in die Finsternis. Wer aus Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die ihm gefällt.“ (Tob 4,7b-11)
Es ist sicher nicht immer einfach, all dies zu beachten. Das Ernstnehmen dieser Bibelstelle hilft mir aber in der Notfallseelsorge, auch in sehr belastenden Situationen zurecht zu kommen.
Tobias jedenfalls übernimmt die Verantwortung, die mit dieser Ethik verbunden ist. Er antwortet
Tobit, dass er alles tun wolle, was dieser ihm aufgetragen habe (vgl. Tob 5,1b).
Der Aufruf Tobits: „Zögere nicht“ ist Ausdruck einer zutiefst diakonischen Haltung. Diese Haltung allein hilft aber nicht auf Dauer, wenn sie nicht rückgebunden ist an die einzig wahre Kraftquelle unseres Lebens – an Gott.
Im Buch Judith lesen wir den kurzen Vers „und der Herr hörte ihr Rufen und sah auf ihre Not“ (Jdt 4,13).
Der judäische Teil des Volkes Israel ist in großer Gefahr. Sie erfahren, was Nebukadnezzars Feldherr Holofernes mit anderen Völkern gemacht hat, und sie hatten Angst davor, dass er auch ihre Heiligtümer schänden würde und sie zwingen würde, einzig und allein Nebukadnezzar als König und vor allem als Gott anzuerkennen und zu verehren. Damit hätte ihnen dieser ihren Halt, ihre Sicherheit und ihren Trost geraubt, den sie in ihrem Glauben an Jahwe hatten. Die Israeliten wenden sich im Fasten und im Gebet an Gott, und dieser erhört ihr Rufen.
Ein Notfallseelsorger braucht genau diesen Halt, diese Sicherheit und diesen Trost! Ohne die
Vergewisserung im Gebet, ohne das Vertrauen, dass letztlich alles in Gottes Hand liegt, sind manche Situationen nur schwer und gar nicht auszuhalten, schon gar nicht, wenn sie sich wiederholen.
Wenn innerhalb von wenigen Wochen 3 Babys am Plötzlichen Kindstod sterben und der
Notfallseelsorger jedesmal die große Verzweiflung der Eltern spürt und gleichzeitig die eigene
Hilflosigkeit erlebt – dann ist die Verwurzelung in der Botschaft Gottes existenziell wichtig für die
eigene seelische Gesundheit.
Dass mir bei so vielen leidvollen Begegnungen die Lebenssituationen aus dem Psalter in den Sinn kommen, wird nicht vewundern. Die Erfahrung aus Ps 6,7 „Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett, ich überschwemme mein Lager mit Tränen“ habe ich schon oft gemacht bei Menschen, deren Kind gestorben ist. Ihre Trauer ist oft grenzenlos.
Notfallseelsorger werden immer wieder erfahren als Menschen, die gut tun und durch die ein wenig Ruhe in die aufgewühlte Trauer kommt.
Das folgende Psalmwort gilt sicher auch für den Notfallseelsorger, der zuweilen selber um Zuversicht ringen muss angesichts von übergroßer Trauer oder extremer Gewalterfahrung, wie es bei Mord und Totschlag der Fall ist: „Weicht zurück von mir, all ihr Frevler; denn der Herr hat mein lautes Weinen gehört. Gehört hat der Herr mein Flehen, der Herr nimmt mein Beten an“ (Ps 6,9-10).
Die Erfahrungen von Gottes Nähe („Ich rief zum Herrn in meiner Not, und er hat mich erhört“, Ps 120,1) oder Gottes Ferne („Herr, warum bleibst du so fern, verbirgst dich in Zeiten der Not?“, Ps 10,1) durchziehen ja den ganzen Psalter. Die vielen Gefühle des Menschen und die vielen Erfahrungen des menschlichen Lebens werden in den Psalmen immer wieder auf Gott hin gedeutet, werden ihm vorgelegt, im Hader oder in Freude.
Und so geht es auch etlichen Menschen, die wir in der Nofallseelsorge betreuen. Sie klagen Gott an und sie hadern mit ihm. Sie verlieren zuweilen ihren Glauben. Besonders intensiv sind für mich dabei die Erfahrungen von trauernden Menschen, die auf Gott schimpfen. Das findet seinen Ausdruck auch in Vorwürfen an die Kirche oder den Papst.
All dies ist aber zumeist Zeichen für die große Verzweiflung, die diese Menschen erleben und mit von der sie sich überwältigt fühlen.
Der Notfallseelsorger braucht also neben einer soliden Ausbildung und einer großen Lebenserfahrung einen großen und tiefen Glauben. Denn letztlich stehen wir mit leeren Händen vor den trauernden Menschen. Hier ist es gut, einmal – als ganz kurzes Blitzlicht – an die Lukaspassion zu erinnern. Kurz vor der Ölbergerfahrung Jesu erinnert er seine Jünger daran, wie er sie damals ausgesandt hatte:
„Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten?“ (Lk 22,35).
Wir können den Menschen, die uns für ein paar Stunden anvertraut werden, nur das geben, was wir selbst von Gott empfangen haben.
Jeder, der in der Notfallseelsorge mitarbeitet, braucht darüber hinaus das rechte Verständnis der
paulinischen Aussage aus dem zweiten Korintherbrief: „Wenn nämlich der gute Wille da ist, dann ist jeder willkommen mit dem, was er hat, und man fragt nicht nach dem, was er nicht hat. Denn es geht nicht darum  dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft, es geht um einen Ausgleich.“ (2. Kor 8,12-13). Wer dies beherzigt, rückt das eigene Können und das eigene Handeln in das rechte Licht.
Ich kann und werde nur dann auf Dauer helfen können, wenn ich nicht nur gebe, sondern mich auch beschenken lasse.

3. Pastorale Überlegungen
3.1. Die Leitlinie

Die Notfallseelsorge haben wir in unserem Bistum überschrieben mit den Worten:
Hingehen – Da-Sein– Aushalten.
Das erste ist das Hingehen. Wir gehen hin zum Leid, zur Not der Menschen. Wir gehen dort hin mit
einer Sendung – im Namen Christi, mit ihm als Vorbild. Wir stehen dabei auf dem Fundament unseres Glaubens an ihn, der für uns gelitten hat, für uns gestorben ist und für uns auferstanden ist. Von ihm bekommen wir die Kraft für unseren Einsatz.
Das zweite ist das Da-Sein. Das wirkliche, echte und von trauernden und verzweifelten Menschen
erfahrbare Da-Sein braucht viel Kraft. Kraft zum Beispiel zu einem Schweigen, das ich als qualifiziertes Schweigen bezeichnen möchte. Es hat eine besondere Qualität, weil es nicht der Ausdruck von Hilflosigkeit oder Verlegenheit ist, sondern von christlicher Nächstenliebe, von persönlicher Zuwendung und dem Bewusstsein, dass es nicht immer angebracht ist, zu reden.
Das Da-Sein realisiert sich darüber hinaus darin, dass Fragen beantwortet werden können.
Information stabilisiert die Menschen, die so plötzlich mit dem Tod konfrontiert wurden.
Dabei gilt der Grundsatz: Alles, was ich sage, muss der Wahrheit entsprechen. Aber nicht alles, was ich weiß, muss ich auch sagen. Das wird deutlich am Beispiel des Mannes, dem wir die Todesnachricht von Frau und Kind überbringen mussten. Alle Fragen, die er mir stellte, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet. Aber ich habe nicht von mir aus hinzugefügt, welche und wie viele Verletzungen seine Frau hatte und wie der Zustand der Leichen war.
Da-Sein heißt auch: mit den Menschen und für die Menschen zu beten, für sie, die oft keine Worte mehr haben, gute Worte an Gott zu richten, und die Verstorbenen zu segnen.
Als Notfallseelsorger muss ich darauf achten, dass die Sorgen und Fragen und die Not des Klienten im Mittelpunkt meiner Begleitung stehen.
Und das führt zum dritten Punkt: dem Aushalten. Es gilt, die Stille nach der Überbringung einer
Todesnachricht auszuhalten, das Schreien und Weinen, das Anklagen des Ehepartners oder anderer Verwandter.
Nach einem Suizid, einem tödlichenVerkehrsunfall oder dem Tod eines Kindes sind trauernde
Menschen extrem verletzbar. Schon der unerwartete Tod eines geliebten Angehörigen an sich verletzt sehr. Immer wieder aber gibt es zusätzlich noch zutiefst verletzende Aussagen wie „Wer weiß, wozu es gut ist“, „Sie sind ja noch jung und können noch weitere Kinder bekommen“ – als ob ein Kind einfach so ersetzbar wäre – oder gar „wenn Sie wüssten, was ich schon alles erlebt habe – das war noch viel schlimmer.“ Solche Aussagen aus dem Mund einer Einsatzkraft wären schwer genug. Wenn sie aber von einem Seelsorger geäußert worden sind, dann ist das oft eine kaum noch auszuhaltende Erfahrung. Die spätere Erfahrung von Seelsorgern, die tatsächlich und auf Dauer anders reden, können diese früheren Traumatisierungen etwas mildern.
Auch die Theodizee-Frage wird gestellt, die Frage nach der Existenz Gottes oder seinem
Nicht- Eingreifen, die Frage nach einer vermuteten Bestrafung der Eltern durch Gott, weil ihr Baby
gestorben ist. Die Frage nach dem Warum können wir nicht beantworten.
Immer wieder geht es dabei auch um das Thema Schuld. Dabei erleben wir Menschen, die schuldig geworden sind oder sich schuldig fühlen.
Ein Mann, dem die Polizei vorwirft, sein Kind getötet zu haben, weil es dafür eine Reihe von Indizien gibt, und der in Handschellen abgeführt wird, ist in der Regel einer seelsorglichen Betreuung entzogen.
Hier wird Schuld objektivierbar.
Es gibt aber auch die subjektive Erfahrung von Schuld – durch das Gefühl, gegen weltliche Gesetze oder ethische Normen verstoßen zu haben oder aber den eigenen oder fremdenErwartungen nicht genügt zu haben.
Jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin in der Notfallseelsorge muss sich daher mit der Frage
auseinandersetzen: Wie geht es mir beim Gedanken an die Betreuung von Menschen, die objektiv
schuldig geworden sind? Und: Wie gehe ich damit um, wenn sich Menschen selbst einer Schuld
bezichtigen? Dabei ist die klare innere und äußere Abgrenzung der Aufgabenbereiche notwendig.
Ein Polizeibeamter stellt andere Fragen als ein Seelsorger, und gerade als Seelsorger habe ich nicht die Pflicht, auf eine korrekte Strafverfolgung zu achten, sondern die Pflicht, die Liebe Christi zu den Menschen zu bringen. Wenn dies internalisiert ist, bekommt die eigene seelsorgliche Aufgabe ein gutes Profil.
Es gilt aber auch, all das auszuhalten, was an Trauererfahrungen schon da ist und jetzt in
schmerzhafter, für die Betreuten in oft unerträglicher Weise in Erinnerung kommt.
Hier müssen zutiefst negative Erfahrungen mitgetragen werden, die bei früheren Todesfällen mit der Kirche gemacht wurden, mit unsensibel auftretenden Pfarrern, die nur ein paar Minuten Zeit
mitgebracht hatten oder die eine Aussegnung oder eine kirchliche Beerdigung verweigert hatten, weil das Baby noch nicht getauft war. Wir müssen aushalten, dass es subjektiv verständliche, aber objektiv und theologisch nicht zu verwirklichende Wünsche gibt, wie die Taufe eines bereits vor mehreren Stunden verstorbenen Kindes.
Hier mit klugen pastoralen Riten wie einer passenden Aussegnung zu antworten, gibt den Menschen das Gefühl, dass sie letztlich in ihrer Sehnsucht ernst genommen werden, in ihrer Sehnsucht nach Antworten aus dem Glauben.
Es ist nicht immer einfach, aber es ist möglich, all das auszuhalten – und zwar dann, wenn ich den trauernden Menschen als meinen Nächsten sehen und als sein Nächster handele. Dann handele ich ganz und gar diakonisch.

3.2. Pastorale Perspektiven
Die Notfallseelsorge entwickelt sich immer mehr zu einem kirchlichen Fachdienst, steht aber in der Tradition der Seelsorger und Seelsorgerinnen, die seit Gründung der Kirche für Menschen in Not da waren. Über Jahrhunderte wurde diese Aufgabe von den Klöstern als Anlaufstellen für notleidende Menschen wahrgenommen. Heute haben wir die pastorale Grundstruktur der Pfarrei. Pfarreien oder Pfarreiengemeinschaften sind und bleiben primär zuständig für die pastorale Präsenz bei den Menschen in Not.
Die Notfallseelsorge verstand sich und versteht sich immer noch als Ergänzung der örtlich zuständigen Seelsorge. Unser Dienst ist aber in der Regel einmalig, weil wir die Möglichkeiten der Ortsgemeinde erweitern und dann an sie übergeben. Daher brauchen Trauernde eine behutsame und auf Dauer angelegte kompetente Begleitung durch die Pfarrei oder ein anderes System bleibender Aufmerksamkeit.
Es muss aber ehrlich und objektiv angeschaut werden, was in einer Pfarrei wirklich machbar ist.
Einerseits werden die immer größer werdenden seelsorglichen Räume zur zunehmenden Belastung der zuständigen Seelsorgeteams, z.B. durch Verwaltungsaufgaben.
Andererseits gibt es eine unaufgebbare, notwendige fachliche Qualifizierung im Bereich der
Psychotraumatologie und der vernetzten Arbeit in der Psychosozialen Notfallversorgung, die den
Dienst der Notfallseelsorge nach und nach aus der pfarrlichen Verantwortung heraus löst und eigene professionelle Bereitschaftsstrukturen erforderlich macht.
Diese Strukturentwicklung setzt aber die Kooperation mit den weiterhin regional zuständigen
Pfarrämtern sogar voraus. Ein Einsatz der Notfallseelsorge wird grundsätzlich verstanden als zeitlich begrenzter Dienst, der im Regelfall nach vielleicht 2-3 Stunden abgeschlossen wird.
Der Notfallseelsorger ist gehalten, mit dem örtlich zuständigen Seelsorger Kontakt aufzunehmen, da dieser sowieso für Beerdigung und weitere Trauerbegleitung zuständig ist und im Einzelfall zum laufenden Einsatz hinzugezogen werden sollte, wenn die Situation es erforderlich macht. Dies setzt aber eine gute Erreichbarkeit des örtlichen Seelsorgeteams voraus – und hier gibt es noch viel Handlungsbedarf.
Zudem gibt es immer mehr Menschen, die gar keinen Kontakt mehr zur Pfarrei haben oder haben
wollen oder die nicht christlich glauben oder eine ganz andere Weltanschauung und Weltsicht haben.
Wenn diese Menschen nun in so große Not geraten, dass der Einsatz der Notfallseelsorge angefordert wird, gehen wir selbstverständlich dort hin – aber die Übergabe an die Pfarrei vor Ort ist nicht mehr angesagt.
Daher sind wir immer häufiger in der Situation, ein anderes System bleibender Aufmerksamkeit zu suchen, dem wir die Menschen anvertrauen können. Vom Hausarzt über eine Nachbarin, von der Selbsthilfegruppe verwaister Eltern bis zur Telefonseelsorge oder auch einem psychologischen Fachdienst, der langfristige Therapien anbietet, ist hier viel in der Praxis abrufbar.
Letztlich stellen wir die Frage „Wer ist der, der Ihnen jetzt am besten helfen kann?“ Meistens wissen die Menschen, wer ihnen gut tut – und wenn dieser Mensch dann hinzukommt, können wir beruhigt gehen.
Bei Menschen aus anderen Kulturkreisen und Religionen ist ein funktionierendes System bleibender Aufmerksamkeit zuweilen noch wichtiger, als wenn die Trauernden westeuropäische Christen sind. Als Beispiel sei hier die Betreuung der Eltern eines 20jährigen Moslems türkischer Herkunft genannt. 
Der junge Mann war nach der Nachtschicht aus der Fabrik gekommen, schlafen gegangen und wurde am Mittag vom Vater tot im Bett aufgefunden. Die hinzugerufene Polizei beschlagnahmte den Verstorbenen und ordnete eine Obduktion an – dies war der nach und nach auf über 250 Menschen angewachsenen Trauergemeinde jedoch kaum zu vermitteln. Sprachschwierigkeiten und Unkenntnis der deutschen Gesetzgebung sorgten für etliche Konflikte und machten eine Betreuung zeitweise fast unmöglich. Wir sorgten für ein paar vertrauensbildende Maßnahmen. Zum Beispiel haben sich die Frauen unseres Teams (wir waren vier Männer und vier Frauen) um die türkischen Frauen gekümmert, unsere männlichen Seelsorger um die türkischen Männer. Wir erklärten mit Hilfe von Dolmetschern, was die Aufgabe der Polizei war. Und wir ermöglichten allen Anwesenden eine kurze Abschiednahme beim Verstorbenen, der im Leichenwagen aufgebahrt war. Durch diese deeskalierenden Maßnahmen konnte die Polizei ihren Aufgaben nachgehen und die Angehörigen kamen zumindest teilweise zu ihrem Recht.
Aufgrund solcher Erfahrungen sind wir im Moment dabei, einer kleinen Gruppe von Moslems eine
Starthilfe zu geben, ein eigenes Kriseninterventionsteam aufzubauen. Dadurch können wir bald auf sie zurückgreifen, wenn sprachliche, religiöse oder kulturelle Eigenheiten bei der Betreuung einer muslimischen Familie besondere Anforderungen stellen.
Aus solchen und vielen weiteren Einsätzen lerne ich: Nur wenn ich mir klar mache, dass ich nicht
immer der richtige Betreuer bin, und dass ich auch nicht permanent für die trauernden Menschen da sein kann, sondern sie der Obhut Gottes und den ihnen nahe stehenden Menschen anvertraue, kann ich tatsächlich wieder gut aus dieser Situation herausgehen und mich darauf vorbereiten, mit neuer Kraft zu einem anderen Notfall zu gehen.

4. Voraussetzungen für den Dienst in der Notfallseelsorge
4.1. Fragen an mich selbst

Die Notfallseelsorge ist eine Kernaufgabe jeglichen diakonischen Denkens und Handelns. Sie erfordert neben der allgemeinen Ausbildung in Theologie und Pastoral eine Reihe von persönlichen Voraussetzungen. Es beginnt damit, dass man bereit ist zu einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Tod, auch und gerade mit der eigenen Sterblichkeit. Wie stehe ich selbst dazu, dass ich einmal sterben werde? Was bedeutet es für mich, wenn junge Menschen, Kinder oder Säuglinge sterben? Welche eigenen Erfahrungen mit Tod habe ich gemacht – in der Familie, im Freundeskreis, bei Kollegen? Aber auch die kritische Befassung mit dem eigenen Wertesystem ist wichtig: Welche eigene Bewertung habe ich zu den Themen Suizid, Plötzlicher Kindstod oder Verkehrstod? Was denke und fühle ich, wenn ich mitbekomme, dass ein Mensch zu Tode gekommen ist, weil ein anderer unter Drogeneinfluss einen Autounfall verursacht hat?
Ich muss mich auch fragen lassen, ob ich ich in der Lage bin, möglichst weitgehend die Themen meines Gegenübers zu erfassen und meine eigenen Probleme und Sorgen außen vor zu lassen.
Ein großes Problem stellt sich dabei zudem immer wieder den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Ausbildungskursen, die ich leite. Das ist die Frage nach dem Umgang mit polizeilichen Maßnahmen, die vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind, aber die pastorale Betreuung verkomplizieren.
Dazu gehört zum Beispiel der Umgang mit Eltern, deren Baby morgens tot aufgefunden wurde und, weil niemand weiß, woran es gestorben ist, von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wird, so dass die Eltern ihr eigenes Kind oft nicht einmal mehr berühren dürfen.
Wenn ich diese Fragen zulasse und mich ihnen ehrlich stelle, ist ein wesentlicher Schritt hin zur
Befähigung zur Notfallseelsorge getan.

4.2 Spezielle Qualifizierung
In der Notfallseelsorge geht es darum, in pastoral ungewohnter Umgebung trotzdem den diakonischen Auftrag zu erfüllen. Wir werden zu Menschen gerufen, die mit Tod oder Todesgefahr unmittelbar konfrontiert wurden und im Moment nicht aus eigener Kraft handlungsfähig sind. Wir arbeiten also dahin, ihnen zu helfen, die eigene Handlungsfähigkeit wieder herzustellen.
Das gelingt gut, wenn man am Fortbildungsprogramm teilgenommen hat, das in der Grundausbildung aus 80 Unterrichtsstunden, begleitenden Gesprächen und vielen Hospitationsstunden besteht. Dieses Fortbildungsprogramm ist in Deutschland standardisiert worden. Daher gibt es auch einen gemeinsamen Namen für den Fachbereich der Notfallseelsorge und der säkularen Krisenintervention:
Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV).

Die Notfallseelsorge gehört wissenschaftlich gesehen in den Bereich der Pastoraltheologie. Die dazu passende Nachbarwissenschaft ist die Psychotraumatologie. Dieser Fachbereich befasst sich u.a. mit der Lehre von den Reaktionen des Menschen auf belastende Ereignisse. Solche Ereignisse sind oft traumatisch und können je nach Situation und eigener Bewertung zu einfachen Belastungsreaktionen, die nach ein paar Wochen wieder verschwinden, aber auch zu eigenen Krankheitsbildern führen, wie zum Beispiel der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Diese Krankheit kann nur von psychologischen oder psychotherapeutischen Spezialisten ambulant oder stationär behandelt werden.
Die Psychosoziale Notfallversorgung wird insbesondere von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verstanden als präklinische Krisenintervention, insbesondere als Prävention schwerer psychischer Störungen (z.B. PTBS) nach potentiell traumatisierenden Ereignissen. (Vgl. International Classification of Deseases ICD, Nr. 10).
Als Notfallseelsorger muss ich mich auskennen in der Zusammenarbeit mit Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr. Zudem brauche ich das Wissen um konkrete Interventionsmöglichkeiten und -methoden.
Daher erarbeiten wir mit den Kursteilnehmern unter anderem folgende Themenkreise:
• Grundlagen der PSNV und der Psychotraumatologie
• Recht und Verwaltung
• Tod im häuslichen Bereich
• Reflexion von Fallbeispielen
• Organisationskunde
• Umgang mit eigenem Stress
• Struktur einer Intervention
• Theologie und Spiritualität der Notfallseelsorge
• Umgang mit Kindern nach Tod von Freunden, Eltern und Angehörigen
• Riten des Abschieds und der Trauer
• Informationen zum suizidalen Handeln, Betreuung von Angehörigen
• Massenanfall von Verletzten
• Gefahren an der Einsatzstelle
• Reflexion der Rolle der Notfallseelsorge, biografische Rückbindung
• Umgang mit Sterben und Tod in Kindergarten und Schule
• Verkehrsunfälle: Umgang mit Betroffenen
• Besonderheiten des Schienenverkehrs
• Betreuung von Menschen nichtchristlicher Religionen und Kulturen
• Betreuung von Eltern und Angehörigen nach einem plötzlichen Säuglingstod
• Kommunikation, Gesprächsführung im Kontext Notfallseelsorge
• Überbringen einer Todesnachricht
In der Notfallseelsorge tätige Priester, Diakone oder pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bauen mit diesem Kurs ihre pastorale Qualifikation weiter aus und werden befähigt, in besonderen Einsatzlagen tätig zu werden.
Bei den Ehrenamtlichen, die zum großen Teil, aber nicht alle mit theologischer Vorbildung kommen, ist in der Regel eine enge Anbindung an qualifizierte Seelsorger und Seelsorgerinnen erforderlich.
Doch auch hier gibt es Ausnahmen – in unseren Ausbildungskursen finden wir vielfältige Charismen, die durch eine gute kirchliche Sozialisation und eine solide Ausbildung in der Psychosozialen Notfallversorgung zum Blühen gebracht werden.

5. Ausblick
Jeder Notfallseelsorger arbeitet in einem Netzwerk von kirchlichen und säkularen Hilfsangeboten.
So kooperieren wir mit der Polizeiseelsorge, mit der Krisenseelsorge im Schulbereich, mit staatlichen Schulpsychologen, der Telefonseelsorge, mit dem Traumanetzwerk, mit Traumaambulanzen und vielen weiteren Dienststellen. Dabei vergessen wir nicht die Seelsorge für Feuerwehr und Rettungsdienst – ein eigener Aufgabenbereich im Bistum, dessen Mitarbeiter selber Ensatzkräfte sind und die um die spezifischen Belastungen bei ihren Kollegen wissen.
Ich erlebe die Notfallseelsorge zunehmend als gute Möglichkeit, als Kirche präsent zu sein in der Not dieser Welt – fast immer bei Menschen, die diese kirchliche Zuwendung nicht mehr erwarten. Wir geben dadurch ein klares Zeugnis ab für den dienenden Christus – in einer Welt des wachsenden Relativismus und der zunehmenden Kirchenferne. Wir arbeiten weiter an der Erfüllung des Auftrages Christi, als Nächster dessen zu handeln, der in Not ist.
Den Mann, der uns fassungslos angeschaut hatte, als wir ihm die Todesnachricht deiner Familie
überbrachten, konnten wir stabilisieren und ihm helfen, für diese völlig neue Situation handlungsfähig zu werden. Er fand für sich sogar eine Deutung aus seinem eigenen Glauben an den Auferstandenen.
Ich lade dazu ein, den Dienst der Notfallseelsorge in die pastorale Landschaft des eigenen Bistums zu integrieren – mit den Möglichkeiten, die jeweils vor Ort gegeben sind.

Veröffentlicht in: Diaconia Christi 48.2 (2013), 159-169, leicht gekürzt

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