Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit A 2008 zu Joh 17,1-11
Ich habe Ihnen heute eine dringende Empfehlung mitgebracht:
Ich empfehle Ihnen dringend, das heutige Evangelium in Ihrer eigenen Bibel nachzulesen und vor allem: weiter zu lesen.
Wenn Sie heute Nachmittag gemütlich im Garten sitzen oder heute Abend im Wohnzimmer, dann nehmen Sie doch mal Ihre Bibel zur Hand, schlagen das Neue Testament auf und lesen im Johannesevangelium das 17. Kapitel. Das sind gerade mal 26 Verse.
Den Anfang, nämlich die ersten 11 Verse, haben wir gerade als unser Sonntagsevangelium gehört.
Dieser Text ist so wichtig, weil es sich hier um das längste persönliche Gebet Jesu handelt, das uns überliefert ist. Wir nennen dieses Gebet das Hohepriesterliche Gebet des Herrn.
Es heißt so, weil wir hier von Jesus lernen können und lernen sollen, wie wir unsere Gebete sprechen und vor allem: Für wen wir beten können.
Dieses Gebet Jesu weist drei Teile auf, mit jeweils einem Akzent. Es steckt so viel darin, dass nicht alles in einer Predigt benannt werden kann. Umso wichtiger ist es also, tatsächlich die Bibel in die Hand zu nehmen und diesen Text nachzulesen!
Im ersten Teil betet Jesus für sich selbst. Er dankt Gott dafür, dass Er Ihm die Macht gegeben hat, sein Werk – also das Werk Gottes – auf Erden zu Ende zu führen. Er stellt fest, dass er Gott auf Erden verherrlicht hat und bittet Gott darum, dass er auch ihn verherrliche. Und er spricht den Glauben der Menschen an, die auf ihn gehört haben und erkannt haben, dass Jesus von Gott gesandt wurde.
Wenn wir diesen ersten Gebetsteil auf unser Leben und unseren Glauben übertragen, dann heißt das:
So wie Jesus für sich selbst betet, sollen auch wir für uns beten. Es ist gut und richtig, sich selbst in den Blick zu nehmen und seine Gedanken und Gefühle vor Gott zu bringen. Wir dürfen und sollen für das danken, was wir in unserem Leben und Glauben erfahren. Wir dürfen und sollen Gott aber auch bitten, dass er für uns sorgt, dass er unser Leben begleitet, dass er uns Anteil gibt an seiner Herrlichkeit. Jesus macht es uns vor!
Im zweiten Teil des Hohenpriesterlichen Gebetes – hier beginnt der Text, den wir nicht gehört haben, der sich aber lohnt, nachgelesen zu werden – da betet Jesus für seine Jünger.
Das sind also die Menschen, für die er unmittelbar gesorgt hat und die ihm nachfolgen.
Da gibt es nun einen Kernsatz: „Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.“
Jesus nimmt die Menschen, die ihm ganz bewusst und unmittelbar nachfolgen, mit in sein Gebet auf. Sie sollen die Einheit im Glauben bewahren, sollen das bewahren, was er ihnen im Namen des Vaters weitergegeben hat.
Für uns heißt dieser zweite Teil des Gebetes:
Jesus nimmt auch unsere Nachfolge, unser Bekenntnis zum Reich Gottes in den Blick. Und wir sollen in unserem Beten immer wieder in Blick nehmen, dass wir uns von seiner Botschaft, von seinem Wort, von seiner Nachfolge nicht abwenden, dass wir uns immer wieder neu für die Nachfolge entscheiden können.
Man könnte auch sagen: Jesus betet für seine Großfamilie und Freunde und Gefährten – eben Menschen, für die er Verantwortung übernommen hat.
Auch wir haben Menschen, die uns anvertraut wurden, haben Verantwortung für Familie, Freunde und vor allem die Schwestern und Brüder in unserer Pfarreiengemeinschaft. Auch für sie sollen wir beten – und wir sollen hier beten für die Einheit im Glauben, die oft so schwer zu finden ist.
Im dritten Teil des Gebetes schließlich betet Jesus für alle Glaubenden.
Und hier kommt seine zentrale Bitte: „Alle sollen eins sein“.
Jesus nimmt hier alle Christen und Christinnen in den Blick, also alle Getauften, die den Glauben gefunden haben.
Man könnte meinen, dass er ja schon im zweiten Teil für diese gebetet hat. Aber da ging es ja hauptsächlich um die ganz besondere Nachfolge, zu der man sich bewusst entscheiden muss.
Hier nun geht es um alle Getauften – und da gibt es bekanntlich viele – die alle eins sein sollen.
Für unser Gebet heißt das: Wir beten für die Einheit des Christentums, das zersplittert ist in viele Konfessionen. Einheit heißt nicht Einförmigkeit. Wir dürfen und sollen verschieden sein in unserem Glauben, weil wir auch auf unterschiedliche Art uns Weise von Gott gerufen werden. Der Aufruf zur Einheit bezieht sich auf unseren gemeinsamen Weg, auf unsere gemeinsame Mitte, auf die Basis unseres Glaubens.
Und können wir auch darum beten, dass alle Christinnen und Christen die Liebe zum Grund ihres Handelns machen.
Und wir beten darum, dass alle Getauften sich immer wieder öffnen für das Wort Gottes, für die Botschaft Jesu, und diese Botschaft in ihrem Leben voll und ganz annehmen.
Wenn der Priester oder Diakon im Gottesdienst sagt: „Lasset uns beten!“ – dann betet er stellvertretend für die ganze versammelte Gemeinde. Er bringt dabei Aspekte unseres Lebens und unseres Glaubens vor Gott – für uns selbst, für die Menschen in der Nachfolge Christi und für alle Getauften, die auf den Weg der Einheit gerufen sind.
Ich lade Sie dazu ein, auch zu Hause immer wieder zu sagen: Lasset uns beten! Beten Sie in der Familie, bei Festen oder alleine – und beten auch Sie für all das, was uns durch den Evangelisten Johannes von Jesus überliefert worden ist.
Amen.