Predigt am 22.03.2026 zu Joh 11,4 „Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes.“
Vor etlichen Jahren war ich als Seelsorger in einer Klinik. Auf einer Station war ich zum ersten Mal und ging von Zimmer zu Zimmer. Wenn man das tut, dann darf man mit allem rechnen: Fröhlichkeit und Trauer, Verzweiflung und Stille, lautes Weinen oder leises Schimpfen. Man findet kranke und verletzte Menschen, die gerade eine Operation vor sich oder hinter sich haben, und Menschen, die einsam sind oder solche, die sehr viel Besuch bekommen. Es geht immer darum, ein Gespräch anzubieten oder auch anzubieten, dass man einfach dabei ist ohne viel zu reden.
An einem Dienstagmorgen kam ich in ein Zimmer mit einem kleinen Mädchen, an dessen Bett der Vater saß und mich aufmerksam anschaute.
Das Mädchen schien zu schlafen oder bewusstlos zu sein.
Ich stellte mich vor und fragte, ob es in Ordnung sei, ein wenig da zu bleiben.
Seine Antwort war: Sie können gerne bleiben, wenn Sie das hier aushalten können.
Nun – Aushalten gehört zu meinem Beruf, also blieb ich.
Der Vater begann zu erzählen: Meine Tochter ist jetzt sechs Jahre alt. Sie kam zur Welt mit einem schweren Gehirnschaden. Die Ärzte stellten fest, dass ihr etwa zwei Drittel des Gehirns fehlten, darunter die Teile, die für Sehen, Riechen und Hören zuständig sind. Die Eltern erfuhren, dass das Kind höchstens sechs Stunden überleben würde.
Mach 24 Stunden lebte das Kind immer noch, und die Ärzte sagten, es könnte höchstens noch ein paar Tage weiterleben. Nach sechs Tagen lebte es noch, und nach sechs Monaten auch noch.
„Meine Tochter ist jetzt sechs Jahre alt, und sie lebt immer noch. Und jetzt zeige ich Ihnen etwas“ sagte der Vater zu mir und setzte der Tochter einen Kopfhörer auf. „Mozart“ sagte der Vater, „Kleine Nachtmusik“.
Das Kind, das sehr verkrampft im Bett lag, fing an sich zu entspannen. Est Arme und Beine, dann auch das Gesicht – und sie fing sogar an zu lächeln.
„Die Ärzte haben gesagt, sie wird nie hören können. Und jetzt hört sie Mozart. Was sagen Sie dazu?“
Eine Antwort viel mir schwer, ich war sehr beschäftigt mit überströmenden Gefühlen.
Der Vater sprach weiter: „Schauen sie nochmal hin!“
Das Kind hatte inzwischen die Augen geöffnet. Er zeigte ihr einen Teddybär. Sie lächelte und dann legte er den Teddy neben ihr Gesicht, und sie kuschelte die Wange daran.
„Die Ärzte haben gesagt, sie wird nie sehen können. Und jetzt hat sie den Teddy gesehen und sich darüber gefreut. Was sagen Sie dazu?“
Ich hatte inzwischen meine Stimme wiedergefunden. Meine Antwort war: „Ich bin sprachlos – das ist einfach wunderbar.“
Dann fing der Vater an, vom Leidensweg des Kindes zu sprechen, von der Ehe, die zerbrochen war, aber auch von der Hoffnung, die ihn nie losgelassen hatte. Und schließlich davon, dass er zutiefst davon überzeugt war, dass nur Gott allein bei seiner Tochter gewirkt hat. Gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis und Einsicht ging er davon aus, dass sich der Zustand seines Kindes bessern würde, und dass es deutlich länger als ein paar Tage oder Wochen leben würde.
Liebe Gemeinde, dieser Mann hatte sich sechs Jahre lang daran festgehalten, dass es Gott gibt und dass er Einfluss auf das Schicksal seines Kindes haben würde. Und der Mann erfuhr in diesen sechs Jahren, dass manchmal die menschliche Sicht auf Leben und Tod komplett von dem abweichen kann, was tatsächlich passiert.
Sein Kind, das war ihm ziemlich klar, würde nicht einfach wie andere Kinder spielen oder herumlaufen oder reden können. Seine Tochter hatte aber sechs Stunden, sechs Tage, sechs Monate und sechs Jahre nicht nur überlebt, sondern nach und nach sogar Fähigkeiten entwickelt, die sie aufgrund der fehlenden Gehirnstrukturen gar nicht haben dürfte.
Liebe Schwestern und Brüder, diese Begegnung werde ich vermutlich nie vergessen. Und sie kam mir wieder in den Sinn beim Lesen des heutigen Evangeliums.
Die Verzweiflung über die Krankheit und dann den Tod von Lazarus ist groß. Aus menschlicher Sicht kann nur noch Gott helfen.
Und Jesus sagt etwas, das für uns Menschen schwer zu begreifen ist:
„Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes.“ (Joh 11,4)
Das kleine Mädchen in der bayrischen Klinik hat ihrem Vater gezeigt, dass Gott hilft. Dass Gott etwas ermöglicht, das aus menschlicher Sicht einfach nicht denkbar ist. Dass es Leben gibt, auch wenn alle vom Tod ausgehen.
Und das ist für mich heute der Schlüssel zum Verstehen dieses Evangeliums. Gott wirkt in einer Weise, die unseren Verstand total übersteigt. Die Wissenschaft kann es nicht fassen.
Aber unser Glaube. Unser Glaube kann es.
Amen.