Pater Gregor Sorger

Predigt am 16.11.2025 Pater Gregor Sorger

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich mich darüber informiere, wie es Christen weltweit ergeht, dann bringt mich das immer wieder zum Nachdenken. Mehr noch: Es erschüttert mich und macht mich traurig.

In unserem Alltag erleben wir Kirche oft als etwas Selbstverständliches. Wir feiern Gottesdienste, wir gestalten Gemeindeleben, wir leben unseren Glauben in Freiheit. Und das gilt nicht nur für die katholische Kirche – auch viele evangelische Gemeinden machen ähnliche Erfahrungen. Doch diese Freiheit ist längst nicht überall auf der Welt selbstverständlich.

In vielen Ländern werden Christen wegen ihres Glaubens verfolgt. Genau davon haben wir heute im Evangelium gehört. Jesus sagt:
Man wird Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen ausliefern.

Wenn wir hören, wie viele Menschen weltweit betroffen sind, kann uns das überwältigen. Die Not ist groß und weit entfernt, und manchmal scheint sie zu groß, um sie wirklich zu erfassen. Deshalb ist es hilfreich, nicht nur an große Zahlen zu denken, sondern einzelne Schicksale in den Blick zu nehmen – konkrete Lebensgeschichten, auch aus unserer eigenen Geschichte oder aus unserer Nähe.

Eine solche Geschichte führt uns zur Benediktinerabtei Tokwon im heutigen Nordkorea.

Dort wirkte ein Priester aus dem Kloster Beuron: Pater Gregor Sorger. Er wurde am 19. November 1906 geboren, trat in Beuron ein, wurde zunächst nach Japan gesandt und kam schließlich 1940 als Missionsbenediktiner nach Tokwon.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die politische Situation dramatisch. Am 9. und 10. Mai 1949 wurde das Kloster von den kommunistischen Behörden besetzt. Mönche, Schwestern, Oblaten und Priester wurden verhaftet. Es folgten Gefängnis und Lagerhaft, Hunger, Kälte und schwere Entbehrungen.

Pater Gregor starb schließlich am 15. November 1950, völlig entkräftet, ausgezehrt, verhungert und erfroren.

Und doch gilt das Wort Jesu:
Man wird euch hassen um meines Namens willen – und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.

Auf den ersten Blick scheint das widersprüchlich. Denn diese Menschen haben gelitten und sind gestorben. Aber Jesu Wort meint etwas Tieferes: Ihr Leben kann zerstört werden – aber ihre Beziehung zu Gott nicht. Ihr Zeugnis bleibt. Ihr Glaube bleibt.

Darum gibt es in der Kirche Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Die Kirche schaut auf Menschen, deren Glaube so tief war, dass selbst Verfolgung und Tod sie nicht davon abbringen konnten. Es geht nicht darum, Leid zu verherrlichen, sondern darum, Vorbilder zu erkennen – Menschen, die zeigen, wie stark der Glaube sein kann.

Für Pater Gregor und seine Gefährten läuft ein solcher Prozess. Die Kirche prüft ihr Leben und ihr Zeugnis. Denn ihr Tod war nicht nur ein tragisches Ende, sondern ein Glaubenszeugnis.

Es gibt Berichte von Augenzeugen über die letzten Tage Pater Gregors. Auf einem Gefangenentransport war er so schwach, dass er immer wieder zusammenbrach und allein nicht mehr aufstehen konnte. Das Lager, in das er kam, war ein ungeheizter Raum mit nacktem Erdboden. Nahrung gab es kaum.

Und doch berichten seine Mitgefangenen etwas Bemerkenswertes: Als er starb, lag ein kindlich reines Lächeln auf seinem Gesicht. Es war, als wollte er sagen:
„Macht euch nichts daraus – das Schönste kommt ja erst.“

Das ist ein Satz, der berührt. Denn er zeigt, was diesen Menschen getragen hat: die Hoffnung auf das Leben bei Gott.

Damit sind wir wieder beim Evangelium. Jesus spricht davon, dass selbst der Tempel zerstört werden kann. Doch er meint nicht nur ein Gebäude. Er meint: Das Entscheidende sind nicht die äußeren Dinge. Das Entscheidende ist das Leben, das Gott schenkt. Die Auferstehung. Die Überwindung des Todes.

Und so endet das Evangelium mit der Zusage:
Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

Genau das glauben wir von Pater Gregor und von all den Männern und Frauen, die um ihres Glaubens willen gelitten haben. Ihr Leben ist nicht verloren. Sie sind bei Gott.

Das bedeutet nicht, dass wir alle zu Märtyrern werden sollen. Aber wir können uns an diesen Menschen orientieren. Paulus schreibt in der zweiten Lesung: Nehmt euch ein Beispiel.

Ein Beispiel im Vertrauen. Ein Beispiel in der Hoffnung. Ein Beispiel im Glauben daran, dass unser Leben über den Tod hinaus in Gottes Hand geborgen ist.

„Das Schönste kommt erst noch.“
Dieser Satz kann auch für uns zu einem Glaubenswort werden.

Heute wird im Kloster Beuron eine Gedenkfeier zum 75. Todestag von Pater Gregor Sorger gehalten. Und wir schließen uns im Gebet mit dieser Gemeinschaft an. Über Länder und Kontinente hinweg sind wir verbunden – im Glauben, in der Hoffnung und im Vertrauen auf Gott.

Manchmal tut es gut, innezuhalten und sich daran zu erinnern: Der Glaube ist größer als jede Verfolgung. Größer als Leid und Tod.

Denn das Schönste – das Leben bei Gott – kommt erst noch.

Amen.

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