Dialogpredigt am 22. Juni 2025: Eine Familie für 41 Kinder

Dialogpredigt von Diakon Edgar mit Kwang-Yun Chi, genannt Yuni, dem Leiter des Soyang Regenbogengarten-Kinderheims in Busan, am 22. Juni 2025.

Diakon Edgar:
Ich glaube, dass es immer wieder ganz gut ist, wenn wir uns darauf einlassen, wie das Leben ist. Unser Leben, das kennen wir schon ganz gut. Aber das Leben von anderen, liebe Schwestern und Brüder – vor allen Dingen von Menschen, von zum Teil sehr kleinen Menschen, deren Leben bedroht ist, die in Not sind – kennenzulernen, das ist, glaube ich, eine ganz wertvolle Zeit.

Noch einmal herzlich willkommen, lieber Yuni. Schön, dass du bei uns bist. Du bist heute Morgen um vier Uhr aufgestanden, um aus Busan hierher anzureisen. Es ist jedes Mal ein Glück und ein Geschenk, wenn wir uns sehen. Es ist eine Gnade. Ich bin immer wieder mit dir zusammen gewesen und war erst vor Kurzem wieder in Busan im Kinderheim. Wir unterstützen das Kinderheim ja von unserer Gemeinde aus. Es ist für mich jedes Mal ein besonderer Moment zu sehen, wie ihr das dort macht. Deswegen habe ich ein paar Fragen an dich vorbereitet.

Kwang-Yun Chi:
Ja, bitte. Mein Deutsch ist nicht so gut, aber ich bemühe mich sehr.

Diakon Edgar:
Lieber Yuni, was bedeutet dir der persönliche Glaube, der christliche Glaube ganz persönlich, und wie prägt er deine Arbeit im Waisenhaus?

Kwang-Yun Chi:
Das ist für mich eine schwierige Frage, deshalb habe ich ein paar Zettel vorbereitet. Mein Vater und mein Großvater waren Christen, deshalb bin ich ganz natürlich mit dem Glauben aufgewachsen. Als ich klein war, musste ich trotz meiner Eltern – mein Vater war sogar der Leiter des Waisenhauses – zusammen mit den anderen Kindern im Heim leben. Diese Zeit war nicht immer einfach für mich. Manchmal habe ich in den Himmel geschaut und gerufen: Jesus, bist du wirklich da?

Mit der Zeit ist mein Glaube gewachsen, besonders in schwierigen Momenten. Wenn ich keine Lösung finden konnte, habe ich oft erlebt, dass Probleme auf eine Weise gelöst wurden, die ich mir nicht vorstellen konnte. Das hat mir gezeigt: Gott ist wirklich da. Heute möchte ich bekennen: Der Herr, der mich geschaffen, gerettet und liebt, ist mein Alles. So möchte ich leben.

Zurzeit arbeite ich im Soyang-Kinderheim, wo ich aufgewachsen bin und wo auch mein Vater gearbeitet hat. Dieses Heim wird von vielen Menschen unterstützt, auch von euch. In unserem Heim leben 41 Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei ihren Familien leben können, oft wegen Missbrauch oder Gewalt. Ich sehe unser Heim als eine große Familie mit 41 Kindern. Wir versuchen, den Kindern so viel Geborgenheit wie möglich zu geben, wie in einer richtigen Familie.

Für uns Betreuer ist klar: Das Wichtigste ist nicht nur Lernen oder Spielen, sondern der Glaube. Alle Erzieher und Mitarbeiter arbeiten als Christen im Kinderheim. Es ist für mich wirklich ein großes Geschenk, dort zu arbeiten, denn ich habe so viele Gelegenheiten, Liebe weiterzugeben. Normalerweise möchten viele Menschen nur geliebt werden, aber es ist nicht leicht, wirklich Liebe zu geben. Im Kinderheim ist das anders. Mit 41 Kindern lebe ich jeden Tag zusammen und muss ständig Liebe weitergeben.

Wenn ich das nur aus eigener Kraft tun würde, wäre ich wahrscheinlich bald erschöpft. Aber weil ich die Kinder mit der Liebe Jesu annehmen möchte, glaube ich, dass ich durch seine Liebe immer genug Liebe habe, um sie weiterzugeben.

Diakon Edgar
Das ist spürbar, wenn man bei euch im Haus ist. Das, was du erzählst, prägt die Atmosphäre. Kannst du uns ein Erlebnis schildern, in dem du Gottes Wirken im Alltag des Waisenhauses besonders deutlich gespürt hast?

Kwang-Yun Chi:
Im Jahr 2016 ist mein Vater gestorben. Ich war damals in Deutschland. Sein Leben hat mich sehr beeindruckt und ich habe ihn sehr respektiert. Deshalb wollte ich seinem Lebenswerk folgen und bin 2017 nach Korea zurückgekehrt. Ich dachte, weil ich selbst im Kinderheim aufgewachsen bin, würde es keine großen Schwierigkeiten geben. Ich war sogar ein bisschen stolz und dachte: Ich weiß ja alles.

Aber als ich anfing zu arbeiten, war alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich war sehr enttäuscht und es war eine schwierige Zeit. Dazu kam noch der Schmerz über den Verlust meines Vaters. Das Jahr 2017 war wirklich hart für mich.

2018 habe ich viel nachgedacht und mich oft gefragt: Warum bin ich überhaupt aus Deutschland zurückgekommen? Wäre es nicht besser gewesen, mein Leben als Musiker in Deutschland weiterzuführen? Ich bereute meine Entscheidung und fragte Gott immer wieder: Warum hast du mich in Deutschland Musik studieren lassen, wenn ich am Ende hier im Kinderheim arbeiten soll? In dieser Zeit fühlte ich mich sehr niedergeschlagen und konnte Gottes Liebe kaum spüren.

Dann gab es einen besonderen Tag. Eines der Grundschulkinder kam von der Schule zurück. Es hatte sich mit einem Freund gestritten, war aber trotzdem ganz fröhlich. Es sagte zu mir: „Yuni, ich habe mich heute mit einem Freund gestritten. Er hat gesagt: Mein Vater ist Polizist. Du wohnst im Kinderheim.“ Dann hat das Kind geantwortet: „Mein großer Bruder ist ein berühmter Sänger in Deutschland, und man kann ihn sogar im Internet sehen.“ Das Kind war sehr stolz und fragte mich: „Yuni, habe ich das gut gemacht?“

Als ich später allein im Büro war und darüber nachdachte, kamen mir die Tränen. Ich betete: Herr, jetzt verstehe ich alles. Was ich in Deutschland gelernt und erlebt habe, war vielleicht genau für diesen Moment, damit dieses Kind stolz sein kann. Wenn das dein Plan war, dann reicht es mir. Ich habe verstanden. Seitdem versuche ich, nach vorne zu schauen und mein Bestes zu geben. Und wenn es mir schwerfällt, erinnere ich mich an diesen Moment. Ich glaube fest, dass Gott mein Leben in jedem kleinen Detail führt. Deshalb mache ich mir heute nicht mehr so viele Sorgen, auch wenn es schwierig wird.

Diakon Edgar
Wir sagen ja: Ich kann nur das weitergeben, was ich selbst empfangen habe. Wie vermittelt ihr den Kindern die christlichen Werte und die Botschaft des Evangeliums?

Kwang-Yun Chi:
Im Kinderheim haben wir eine eigene Gemeinde. Jeden Sonntag feiern wir gemeinsam Gottesdienst. Dadurch hoffen wir, dass die Kinder Gottes Liebe spüren können. Weil alle unsere Erzieher Christen sind, bitten wir auch darum, dass die Kinder Gottes Liebe ganz natürlich durch unser tägliches Leben erfahren.

Es ist natürlich nicht einfach, dass kleine Kinder allein durch den Gottesdienst einen tiefen Glauben entwickeln. Deshalb versuchen wir als Erzieher und Mitarbeiter, mit unserem Leben ein gutes Vorbild zu sein. Ich selbst bin nicht perfekt und mache viele Fehler. Aber ich versuche, in meiner eigenen Familie wirklich glücklich zu leben. Ich glaube, dass dieses Glück wie ein guter Duft auf die Kinder übergehen kann. So soll der Glaube ganz natürlich Teil ihres Lebens werden.

Diakon Edgar
Die Kinder haben oft Gewalt und Missbrauch erlebt. Das sind traumatische Erfahrungen. Was hilft dir, wenn es wieder einmal sehr schwer wird, im Vertrauen auf Gott festzuhalten?

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich, dass vieles damals unglaublich schwer war. Manchmal fühlte es sich an, als würde ich daran zerbrechen. Aber Jahre später merke ich, dass sich vieles auf erstaunliche Weise gelöst hat. Durch diese Erfahrungen glaube ich fest daran, dass Gott wirklich in meinem Leben wirkt und einen Plan für mich hat.

In schwierigen Zeiten fühlt es sich im Moment oft unerträglich an. Es gab sogar Momente, in denen ich keinen Sinn mehr im Leben gesehen habe. Aber nach einigen Tagen oder Monaten wurde der Schmerz langsam weniger und irgendwann kam die Freude zurück. Dann konnte ich dankbar sein, dass ich durchgehalten habe. Und wenn ich noch weiter zurückblicke, merke ich: Es war nicht meine eigene Kraft, die mich getragen hat. Es war Gott, der bei mir war, der mich getragen und gestärkt hat. Nur mit ihm konnte ich weitermachen. Das bekenne ich heute von Herzen.

Diakon Edgar
Wenn ich bei euch bin, habe ich das Gefühl, dass ihr eine große Familie seid. Die Kinder halten zusammen, sie freuen sich, sie winken. Es ist eine besondere Atmosphäre, die Hoffnung gibt. Welche Hoffnung gibt dir abschließend das Evangelium, und was möchtest du davon weitergeben?

Kwang-Yun Chi:
Ich möchte weder reich noch berühmt sein oder besonders beeindruckend. Vielmehr wünsche ich mir, nach einem kurzen Leben hier einmal im Himmel weiterzuleben. Deshalb ist mir nicht so wichtig, wie mein Leben hier aussieht. Seit Jesus auf die Welt gekommen ist, wissen wir, wie wir leben sollen. Er hat uns den Weg gezeigt.

Wenn wir diesem Weg folgen, wird unser Leben ein Leben mit Sinn und Hoffnung, ein Leben in der Nachfolge Jesu, ein Leben, das ihm immer ähnlicher wird. Wenn wir so leben und uns darum bemühen, dann wird sich diese Liebe, dieser Glaube und dieser gute Einfluss wie ein Virus ausbreiten. Ich glaube fest: So kann diese Welt immer mehr wie der Himmel werden – ein gesegneter Ort, auch wie im Kinderheim.

Ich bin als Mitarbeiter und Erzieher glücklich, wenn mein Leben Jesus ähnlicher wird und ich ihm folgen kann. Diese Freude möchte ich mit den Kindern teilen – nicht nur Essen, Geld oder Bildung, sondern die Freude am Leben mit Jesus. Dieses Leben mit Jesus sollen sie kennenlernen.

Diakon Edgar
In Bayern sagen wir ganz kurz und sehr treffend: Vergelt’s Gott. Danke für deinen Dienst an diesen Kindern. Danke für dein Hiersein und für das Teilen deines Glaubens, deiner Hoffnung und deiner Liebe. Wir nehmen uns einen Moment, um das nachklingen zu lassen. Vielen Dank.

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