Predigt am 11.05.2025: Der neue Papst
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
Robert Francis Prevost Martinez – das ist der bürgerliche Name unseres neuen Papstes Leo XIV. Man kann sich den Nachrichten und Eindrücken dieser Tage kaum entziehen. Es ist spannend und zugleich berührend, wie viele Informationen wir schon innerhalb kürzester Zeit über diesen Mann erhalten haben. Sofort wird gefragt: Wo steht er politisch? Kann er dem US-Präsidenten Paroli bieten? Was bedeutet seine Wahl für die Zukunft der Kirche? Er hat von Synodalität gesprochen – und schon beginnen die Erwartungen, Deutungen und Einschätzungen.
Vielleicht ist es gut, an dieser Stelle einen Gang zurückzuschalten. Viele Menschen verbinden große Erwartungen mit diesem neuen Papst. Doch die Grundlage seines Amtes ist zunächst keine politische. Sie kann politische Auswirkungen haben, aber ihr Fundament ist geistlich: die Heilige Schrift, die Tradition der Kirche, das Gebet. Deshalb geht es zuerst darum, hinzuhören, zu deuten und zu fragen: Was bedeutet das für meinen persönlichen Glauben? Was bedeutet es für unseren gemeinsamen Weg als Kirche?
Kirche ist Gemeinschaft. Und deshalb geht es heute nicht um einen Einzelnen – weder um den Papst noch um den Prediger. Papst Leo XIV. hat in seinen ersten Worten ein Zitat des heiligen Augustinus aufgegriffen: „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof.“ In diesem Satz steckt viel von dem, was dieses Amt ausmacht.
Zunächst steht die Mitra, die Kopfbedeckung des Bischofs, für das Hirtenamt und damit für Verantwortung. Der Papst trägt eine große Verantwortung für die Kirche weltweit. Verantwortung bedeutet, für andere da zu sein, sie im Blick zu haben und ihren Weg mitzutragen. Dazu passt auch das Bild des guten Hirten, das wir im Evangelium hören. Ein Hirte kennt seine Schafe. Papst Leo XIV. hat viele Jahre als Missionar in Peru gelebt und unter armen Menschen gearbeitet. Er kennt das Leid der Welt. Er weiß, wovon er spricht, wenn es um die Sorgen und Nöte der Menschen geht.
Ein weiteres Zeichen des Hirten ist der Stab. Der Hirtenstab steht für Orientierung und Schutz. Augustinus sagt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.“ Viele von uns kennen diese innere Unruhe. Wir suchen Halt, Richtung, Sicherheit. Ein Hirte hilft, Gefahren zu erkennen, Wege zu zeigen und Orientierung zu geben. So soll auch der Papst mit seinem Wort und seinem Dienst helfen, den Weg zu Gott zu finden.
Das weiße Gewand des Papstes erinnert an ein anderes wichtiges Zeichen: an die Taufe. Bei der Taufe erhalten wir ebenfalls ein weißes Gewand als Zeichen eines neuen Lebens. Dieses Gewand macht deutlich: Der Papst hat eine besondere Aufgabe – aber er bleibt ein Getaufter unter Getauften. Augustinus sagt: „Was du begreifst, ist nicht Gott.“ Unsere Worte, unsere Symbole, unsere Zeichen helfen uns, aber sie bleiben immer begrenzt. Gott ist größer als alles, was wir uns vorstellen können. Auch der Papst ist ein Mensch, der mit uns gemeinsam auf dem Weg zu diesem größeren Gott ist. Glaube ist nicht nur Verstehen mit dem Kopf, sondern auch Vertrauen, Spüren und Sich-Einlassen.
Schließlich steht die weltweite Kirche im Blick. Der Papst ist das Oberhaupt einer weltumspannenden Gemeinschaft. Kardinäle aus der ganzen Welt haben ihn gewählt, damit er diesen Dienst für die Kirche und für die Menschen übernimmt. Augustinus sagt: „Liebe – und dann tu, was du willst.“ Das ist kein Freibrief, sondern eine klare Orientierung: Alles Handeln muss aus der Liebe kommen. Für den Papst bedeutet das, Menschen zuzuhören, auch denen, die widersprechen, die kritisch sind oder der Kirche fernstehen. Die Liebe gilt allen Menschen ohne Unterschied. Kein Mensch ist mehr wert als ein anderer.
Auch wir sind Teil dieses Weges. Die Kirche kennt dafür einen wichtigen Begriff: Sensus fidei, den Glaubenssinn. Damit ist die Fähigkeit aller Gläubigen gemeint, mit Hilfe des Heiligen Geistes zu erkennen, was im Glauben wahr und richtig ist. Jeder von uns trägt diesen inneren Kompass in sich. Wir sind nicht nur Zuhörer, sondern Mitgehende, Mitsuchende, Mitverantwortliche – gemeinsam mit dem Papst.
Augustinus formuliert es in einem tiefen Satz: „Ich will, dass du bist.“ So spricht Gott zu jedem Menschen. Er will unser Leben, unsere Freiheit, unseren Weg. Wir kommen von Gott und wir sind auf dem Weg zu ihm. Und auf diesem Weg sind wir nicht allein, sondern verbunden mit Menschen in aller Welt.
Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof. In diesem Geist dürfen wir auf die neue Zeit mit Papst Leo XIV. schauen – nicht zuerst mit Erwartungen oder politischen Deutungen, sondern mit Vertrauen, Gelassenheit und Hoffnung. Wir gehen gemeinsam als Glaubende unseren Weg – in der Verantwortung füreinander, in der Orientierung am Evangelium und im Vertrauen auf Gottes Führung.
Amen.