Der dritte Ort

Predigt am 29. Dezember 2024 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

vor zwei Jahren ist in Amerika ein berühmter Soziologe gestorben. Sein Name war Ray Oldenburg. Er hat viel geforscht und geschrieben über die Frage der Gemeinschaft. Er hat sich Gedanken gemacht, was Menschen brauchen, um gut durchs Leben zu kommen, um nicht zu vereinsamen, und wie Gemeinschaft entsteht und erhalten werden kann.

Er hat ein Modell entworfen, das weltweit diskutiert wird: das Modell vom sogenannten „dritten Ort“.

Oldenburg geht davon aus, dass es im Leben eines Menschen drei wichtige Orte geben muss. Der erste Ort ist das Zuhause – der Ort, an dem ich wohne, an dem ich mit meiner Familie zusammen bin oder auch alleine lebe. Der zweite Ort ist der Arbeitsplatz – der Ort, an dem ich arbeite, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Und er sagt: Es reicht nicht aus, nur zwischen Wohnung und Arbeit hin und her zu pendeln. Es braucht einen dritten Ort. Einen Raum, in dem sich Menschen treffen, austauschen, neue Ideen und Impulse bekommen, hören, was andere denken, und miteinander ins Gespräch kommen. Das kann ein Café sein, ein Restaurant, ein Park, ein Spielplatz – ein Ort der Begegnung.

Dieses Modell vom dritten Ort ist irgendwann auch auf die Kirche übertragen worden. Kirche als dritter Ort – neben Wohnung und Arbeitsplatz. Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, sich austauschen, Gemeinschaft erleben und miteinander ins Gespräch kommen. Für uns bedeutet das konkret: diese Kirche, unser Gemeindesaal, unsere Gemeinde – Räume, die uns gut tun können und gut tun sollen.

Dabei geht es in der Kirche noch um mehr. Hier kommt das Religiöse ins Spiel. Hier geht es um Gott. Um Spiritualität. Um die eigene Beziehung zu Gott.

Und genau darum geht es auch im heutigen Evangelium.

Wir hören von Jesus, der mit seinen Eltern und vielen anderen zum Paschafest nach Jerusalem gepilgert ist. Ein großes Fest, bei dem Israel bis heute an den Auszug aus Ägypten erinnert. Nach den Festtagen macht sich die große Reisegruppe wieder auf den Heimweg. Die Eltern glauben, Jesus sei irgendwo unter den Pilgern. Doch nach einem Tag merken sie: Er ist nicht da. Sie kehren zurück nach Jerusalem und finden ihn schließlich im Tempel.

Und wie Eltern reagieren, wenn ein Kind plötzlich verschwunden war: Sie machen ihm Vorwürfe. „Kind, warum hast du uns das angetan?“ Sie verstehen nicht, was passiert ist. Und Jesus antwortet: „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“

Hier zeigt sich der Tempel als Jesu „dritter Ort“.

Ray Oldenburg nennt vier wichtige Elemente eines solchen Ortes.

Der erste Punkt ist der Austausch. Menschen brauchen Gespräch, Begegnung, Lernen voneinander. Genau das geschieht im Tempel. Jesus sitzt bei den Schriftgelehrten, hört zu, stellt Fragen und antwortet. Die Menschen staunen über seine Weisheit. Ein Austausch zwischen Generationen, über Glauben, über die Heilige Schrift, über das Leben.

Der zweite Punkt ist Gemeinschaft. Menschen brauchen das Gefühl, nicht allein zu sein. Auch damals waren viele gemeinsam unterwegs auf der Pilgerreise. Man teilte Essen, Wege, Erfahrungen. Gemeinschaft war lebenswichtig. Und auch heute erleben wir, wie viele Menschen unter Einsamkeit leiden. Deshalb brauchen wir Orte, an denen Gemeinschaft entsteht.

Der dritte Punkt ist Identität. Jeder Mensch muss zu sich selbst finden: Wer bin ich? Was ist mein Weg? Welche Begabungen habe ich? Auch Jesus beginnt hier, im Tempel, seine Identität bewusst zu leben. Er erkennt seine besondere Beziehung zu Gott. Später wird er diesen Weg weitergehen und als Wanderprediger das Reich Gottes verkünden.

Der vierte Punkt ist die Atmosphäre. Ein Ort muss eine besondere Qualität haben, eine Atmosphäre, die gut tut. Jesus sucht nicht irgendeinen Ort – er geht in den Tempel. Auch wir kommen in die Kirche, weil wir spüren: Das tut mir gut. Hier finde ich Ruhe, Orientierung, Begegnung mit Gott.

Diese vier Punkte – Austausch, Gemeinschaft, Identität und Atmosphäre – lassen sich auf unsere Gemeinde übertragen. Kirche soll genau das sein: ein Ort der Begegnung, der Gemeinschaft, der Suche und der geistlichen Erfahrung.

Und ich glaube, vieles davon erleben wir bereits: Gespräche, gemeinsames Feiern, Menschen auf der Suche nach ihrem Weg, eine Atmosphäre, die gut tut – im Gottesdienst, im Kirchencafé und in vielen Begegnungen.

Am Ende kehren Maria und Josef mit Jesus nach Nazareth zurück. Im Evangelium heißt es, dass Maria alles in ihrem Herzen bewahrte. Sie verstand nicht alles – aber sie nahm es an.

Und vielleicht ist das der letzte wichtige Punkt: zu akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich sind. Unterschiedlich denken, glauben, fühlen. Anders zu sein bedeutet nicht schlechter zu sein. Es bedeutet nur: anders.

Gerade deshalb brauchen wir Austausch, Gemeinschaft und eine gute Atmosphäre.

Das können wir aus dem heutigen Evangelium lernen.

Amen.

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