13.11.2016
Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis C
Liebe Schwestern und Brüder,
im August durfte ich eine für mich ganz besondere Reise machen. Zusammen mit meiner Frau war ich in Afrika unterwegs. Wir hatten uns vorgenommen, auf dieser Reise Land und Leute kennen zu lernen. Und so haben wir es auch tatsächlich gemacht – einerseits haben wir sehr viele Tiere in freier Wildbahn gesehen, die man bei uns gar nicht oder höchstens im Zoo erleben kann, und haben uns von ihnen verzaubern lassen, und wir haben auch die Landschaften intensiv erlebt.
Andererseits haben wir viele Menschen kennen gelernt und hatten das Glück, in Pfarreien und Klöstern und im Gottesdienst ein wenig einzutauchen in afrikanisches Leben, Denken, Fühlen und Glauben.
Wenn ich genau hinschaue, dann stelle ich fest: Es ist fast kein Tag vergangen, an dem wir nicht eine besondere, intensive Erfahrung gemacht haben, die uns nachhaltig geprägt hat.
Heute möchte ich von einer dieser Erfahrungen berichten, weil sie eine ganze Menge mit dem heutigen Evangelium zu tun hat.
Wir haben Freunde in der Stadt Bulawayo in Simbabwe, Charles und seine Frau Senzeni. Er ist Diakon – aus seinem Hauptberuf bei der Bahn ist er vor ein paar Jahren in Rente gegangen.
Bei den beiden durften wir einige Tage mit leben, sie haben uns das Land gezeigt und sie haben uns eingeladen, an einem Sonntag mit zu kommen zum Diakonentag der Erzdiözese Bulawayo. Dort trafen sich 13 Diakone, die sich jedes Jahr am Fest des Heiligen Laurentius zusammenfinden, zusammen mit ihren Frauen und der Gemeine gemeinsam Gottesdienst feiern und sich gegenseitig Mut zusprechen.
Denn das, was in Simbabwe zu erleben ist, das ist nur schwer auszuhalten. Das Land steht finanziell am Abgrund. Einst gab es dort blühende Landschaften, es gab sauberes Wasser und genug zu essen – so viel, dass das Land in ganz Afrika den Beinamen „Brotkorb Afrikas“ hatte.
Leider ist durch Misswirtschaft und durch die Vertreibung der hauptsächlich weißen Farmer innerhalb wenige Jahre vieles zusammengebrochen. Das Wasser aus der Leitung muss abgekocht werden, bevor man es trinken darf. Zum Zähneputzen nimmt man am besten bottled water, also Wasser in Flaschen abgefüllt. Einkaufen im Supermarkt geht oft nur für die Reichen. Sehr große Teile der Felder liegen brach. Es gibt sogar Gegenden wie z.B. die Hauptstadt Harare, in der nicht einmal das Abkochen des Wassers hilft. Es ist dort einfach zu viel Gift im Wasser.
Die Regierung um Robert Mugabe lässt es sich gut gehen. Einem der Minister gehört im Norden des Landes ein ganzes Stadtviertel voller Ferienwohnungen. Fragen Sie nicht, wie er daran gekommen ist…
Aber der Rest des Landes muss sehen, wo er bleibt. Die Polizisten bekommen landesweit kein Gehalt mehr. Das führt dazu, dass man auf einer Strecke von 500 km mehr als 60 Mal von der Polizei angehalten wird und als Einheimischer jedes Mal Geld bezahlen muss, bevor man weiter fahren darf.
Die Korruption zerfrisst das ganze Land. Und deswegen predigte einer der Diakone in Bulawayo beim Festgottesdienst am Diakonentag auch über das Thema Korruption.
Er ist im Hauptberuf Busfahrer. Und als solcher muss er alle 5 Jahre seine Lizenz erneuern lassen. Das geschieht mit Hilfe einer kleinen Prüfung.
Er absolvierte diese Prüfung nachweislich mit Null Fehlern. Als er seine neue Lizenz abholen wollte, bekam er sie trotzdem nicht, weil er sich weigerte, dem korrupten Beamten über die Prüfungsgebühr hinaus Geld zu geben.
Für ihn hing seine Existenz davon ab, die Lizenz zu bekommen.
Und er bekam sie nicht, weil der Beamte der überall präsenten Korruption verfallen war.
Und nun machte er diese Geschichte öffentlich im Rahmen seiner Predigt.
Er hatte tatsächlich die Existenz seiner Familie aufs Spiel gesetzt, um ein Zeichen gegen die das Land zerfressende Korruption zu setzen. Er sagte wörtlich: „Als Christ konnte ich nicht anders handeln. Wir müssen aufstehen und gegen die Ungerechtigkeit im Land vorgehen. Wenn wir es als Christen nicht machen, dann macht es niemand. Und es wird immer schlimmer werden.“
Die Menschen im Gottesdienst waren nicht einfach nur beeindruckt. Sie alle wussten ja um die Verhältnisse in ihrem Land. Es war zu spüren, dass dieses Land vor die Hunde geht, wenn nicht endlich etwas geschieht. Und es verändert sich nur etwas, wenn Menschen aufstehen und sich zu Wort melden. Unabhängig davon, ob sie selber denken, dass sie gut argumentieren können.
Jesus spricht:
Ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können.
Aufstehen und sich zu Wort melden, das ist nichts, was wir immer aus eigener Kraft leisten können. Aber im Vertrauen auf Gottes Gegenwart, im Vertrauen auf Jesu Beistand, können die Menschen in Simbabwe viel erreichen.
Und auch wir können das. In Deutschland wird zwar Korruption bestraft. Und deswegen ist das Problem bei uns nicht so groß wie in Simbabwe.
Wir können aber z.B. aufstehen und uns zu Wort melden
- Angesichts der hohen Zahlen von Abtreibungen in Deutschland
- im Blick auf die wachsende Zahl von populistischen Politikern
- Oder auch gegen die Fremdenfeindlichkeit in unseren Städten und Dörfern
- Und auch für die Menschen, die am Rande stehen – psychisch Kranke, oder verwaiste Eltern, oder Obdachlose, oder missbrauchte Kinder.
Niemand von uns kann gegen all diese Missstände und Ausgrenzungen vorgehen. Aber wenn ich mir schon mal ein Thema vornehme, ist schon viel erreicht.
Gehen wir es an.
Amen.