Weihnachtspredigt 2008
Seit 35 Jahren gibt es in der Familie meiner Mutter die Tradition des Familientreffens. Meine Großeltern haben das eingeführt: Wer auch immer Zeit hat, kommt zu diesem Treffen im März, und es werden die Neuigkeiten aus den Familien meiner Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen ausgetauscht.
Zu den Höhepunkten dieser Treffen gehört, wenn es ein neues Baby gibt. Inzwischen sind die Kinder meiner Cousins so langsam in dem Alter, selber Kinder zu bekommen.
So ein neues Baby wird ausführlich bestaunt, herumgereicht, fotografiert – die ganze Verwandtschaft freut sich mit der jungen Familie. Es gibt dann nicht viele andere Themen – das neue Baby beherrscht die Lage. Alle Anwesenden lassen sich ansprechen, interessieren und faszinieren.
Da geht es uns wie eigentlich allen jungen Eltern, die gerade ein Kind bekommen haben – sie brauchen kein anderes Programm, als sich um dieses Kind zu kümmern.
Sehr seltsam wäre es, und für niemanden nachvollziehbar, wenn sich kein Mensch um das Baby kümmern würde, wenn es völlig ignoriert würde.
Und so ist es auch an Weihnachten. Auch wenn dieses Kind in der Krippe inzwischen über 2000 Jahre alt ist – die Geschichten um seine Geburt ziehen immer noch viele Menschen in die Kirche.
Oder – könnten Sie sich den 24. und den 25. Dezember ohne Weihnachten vorstellen? Ohne Geschenke, ohne Christbaum und Krippe, als ganz normale Arbeitstage?
Natürlich auch ohne Einkaufsstress, ohne Weihnachtspost, die geschrieben und empfangen wird und auch ohne gute Wünsche um gesegnete Tage? Ohne Familienbesuch und entsprechende Telefonate?
56 % der Deutschen wollen an Weihnachten in die Kirche gehen. Auch wenn folglich 44% nicht in den Gottesdienst gehen, würden die aber auch etwas vermissen. Zumindest die arbeitsfreien Tage.
Und es kommen ja wirklich viele Menschen.
Allein gestern hatten wir in Königsbrunn 10 katholische Gottesdienste, und die haben wir zusammen mit ungefähr 5000 Menschen gefeiert.
Das sind also 5000 Menschen allein im katholischen Teil Königsbrunns, für die das Leben ziemlich anders wäre, gäbe es Weihnachten nicht. Dabei wäre es historisch gesehen nichts neues. Denn – in den ersten 400 Jahren der Kirchengeschichte gab es kein Weihnachtsfest.
Natürlich kannte man die entsprechenden Geschichten aus dem Lukas- oder dem Matthäusevangelium.
Es wurde aber nicht gefeiert. Der 25. Dezember war tatsächlich ein ganz normaler Tag. Es gab auch keine Adventszeit, weil es natürlich nichts vorzubereiten gab.
Klar – die Kirche hat in den ersten vier Jahrhunderten sehr intensiv Gottesdienst gefeiert – und zwar hat sie sich an Ostern erinnert, sie hat Tod und Auferstehung Christi gefeiert als das Ereignis unserer Erlösung – Sonntag für Sonntag, von Heiliger Messe zu heiliger Messe. Nur die Geburt Jesu war kein Thema.
Die Geschichte des christlichen Weihnachtsfestes beginnt mit einem riesengroßen Streit.
Und weil Menschen auch im religiösen Bereich, bei uns also der Kirche, zu allen Zeiten sehr kreativ waren, was Auseinandersetzungen angeht, wurden die unterschiedlichsten Ideen propagiert.
Und es wurden viele Fragen gestellt, Thesen vertreten, Anhänger gesucht und kräftig mit Rom gestritten.
Dieser Streit drehte sich um die Frage, ob es sich denn bei diesem Jesus von Nazareth tatsächlich um einen Menschen gehandelt hatte. Und gleichzeitig wurde gefragt, ob er wirklich Gott war.
Vielleicht war es ja schon Gott, der da auf die Welt gekommen war – aber er hatte nur einen Scheinleib, war also gar nicht richtig menschlich?
Oder war er nur Mensch und überhaupt nicht Gott? Hatte es Christus immer schon gegeben – oder war er vom Vater erschaffen worden? Sind Gott Vater und Gott Sohn wirklich eines Wesens?
Diese Streitpunkte wurden auf Synoden und Konzilien diskutiert, bis schließlich definiert wurde, was der Glaube der Kirche ist.
Und so haben wir in unserem Glaubensbekenntnis das Ergebnis dieser langen Auseinandersetzung.
Wir glauben…
…an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott, Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil
ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen
durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria
und ist Mensch geworden.
Wir werden nachher diesen Glauben bekennen.
Und in diesem Umfeld von Auseinandersetzungen, von Streit und kontroverser Theologie, von Hass und Unverständnis, letztlich: von Ringen um die Wahrheit – da entsteht nun das Weihnachtsfest, das Fest der Menschwerdung Gottes.
Durch 1600 Jahre Kirchengeschichte hindurch ist ganz viel Weihnachtstradition gewachsen. In den letzten Jahrhunderten sind viele Lieder gedichtet und komponiert worden, die die Grundaussage von Weihnachten – GOTT IST MENSCH GEWORDEN – aufgreifen.
Sie kennen diese Lieder.
Zu den bekanntesten gehört „Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein“– und in der 4. Strophe heißt es dann: „Dich wahren Gott ich finde in meinem Fleisch und Blut.“
Das ist eben nicht nur ein nettes und süßes Kinderlied, sondern es ist die ins Lied gepackte Theologie von Weihnachten, und es gibt da immer noch die Anklänge an die Auseinandersetzungen von damals.
Für uns stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen. Wie stehen denn wir zu diesem Kind in der Krippe?
Wenn wir ehrlich sind: Die theologischen Fragen um das Mensch-sein und das Gott-sein von Jesus Christus beschäftigen uns da doch nicht so sehr.
Wenn es um die Wunder und die Heilungsgeschichten dieses Jesus von Nazareth geht, wenn es um seinen Tod und seine Auferstehung geht, dann können wir ganz gut damit klar kommen, dass dieser Jesus wahrer Gott ist. Wer anders als Gott könnte so etwas bewirken?
Und – dass er wahrer Mensch gewesen ist, das fällt uns auch nicht so schwer, wenn wir an das süße Baby in der Krippe denken. Wie sagt es doch der Dichter? Holder Knabe im lockigen Haar!
Lassen wir doch den Theologen diese Fragen, vor allem, wenn es doch schon so lange her ist, dass man sich da gestritten hat – oder?
Für unseren Glauben ist es schon wichtig, über diese Grundlagen Bescheid zu wissen.
Und dennoch: Über all diesen theologischen Fragen schwebt wie eine Wolke eigentlich nur eine einzige Frage, die wir uns beantworten müssen, um eine Orientierung für unseren Glaubensweg an diesem Weihnachtsfest zu finden.
Und diese Frage orientiert sich daran, was wir erleben, wenn uns ein neugeborenes Baby präsentiert wird.
Wie gesagt – so ein Baby beherrscht die Lage. Lassen wir das doch auch zu bei diesem Jesus von Nazareth! Lassen wir uns ansprechen, interessieren und faszinieren von diesem Kind in der Krippe und von seiner Botschaft.
Dann reagieren wir einfach ganz normal menschlich – und bekommen gleichzeitig auch Zugang zu seiner göttlichen Seite.
Bleiben wir menschlich angesichts des Wunders von Bethlehem.
Dann feiern wir tatsächlich Weihnachten.
Amen