zwei oder drei

Predigt am 6. September 2026 zu Mt 18,15-20

Unsere Welt ist sehr vergesslich. Wir Menschen sind zum Beispiel oft sehr resistent gegen historische Erinnerungen.
Dann gibt es mehr und mehr Stimmen, die sagen: “So schlimm wird es schon nicht gewesen sein, damals, im Holocaust”, ähnlich dann auch bei den Völkermorden in Ruanda 1994 mit bis zu 1 Million ermordeten Menschen und Srebrenica in Bosnien 1995 mit über 8000 Todesopfern. Und was heute in Palästina passiert, wird auch gerne wegdiskutiert.

Wenn sich nicht immer und immer wieder neu Menschen laut zu Wort melden und dem Vergessen Einhalt gebieten, dann wiederholt sich die Geschichte.

Da wo Menschen aufstehen und sich einsetzen für eine grundlegende Ethik, für Einheit und Frieden und Demokratie, da wird die Wiederholung der Geschichte deutlich schwieriger.

Vor 61 Jahren, am 4. September 1965, starb der berühmte Arzt, Theologe, Philosoph und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer.

Es gibt einen Ausspruch von ihm, der mir sehr nahe geht und den ich nicht oft genug hören kann. Der Satz lautet:

“Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt.“ Das schrieb er 1923 in seinem Buch “Kultur und Ethik”.

Wenn ihm das Leben heilig ist. Dann ist der Mensch ethisch, sonst nicht. Das ist der Maßstab. Schweitzer war ja selber Theologe, und er hat das Evangelium ausführlich studiert.
Ich möchte seine Aussage auf das heutige Evangelium anwenden. Da heißt es am Schluss: Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Dieser Vers ist sehr berühmt. Und er ist auch als Kanon vertont worden.

Die Musik hilft uns, den Ausspruch Jesu zu erfühlen, zu erspüren, und vielleicht sogar zu verstehen. Der Vers wurde immer wieder gedeutet als: Schaut mal, wie schön das ist, zusammen zu sein, und Jesus ist dabei und sogar mitten drin.

Das bringen wir schon den Kindern bei, und es ist ja tatsächlich schön und angenehm und kuschelig, das zu singen.

Nun war Jesus aber eher nicht so kuschelig drauf. Schon gar nicht im heutigen Evangelium, wo er klare Richtlinien gibt, wie wir vorgehen sollen, wenn sich jemand daneben benimmt – nämlich durch klares Benennen unter vier Augen, in der Kleingruppe und dann vor der Gemeinde.

Das ist jetzt eher keine Einleitung für ein Kuschelverständnis von “Wo zwei oder drei”.

Viel wichtiger ist aber, was da mitten im Satz drin steht und was so gerne in seiner ernsten Bedeutung weggefegt wird. Wo zwei oder drei IN MEINEM NAMEN zusammen sind. Da reicht es nicht aus, zu sagen, ach ja, wir sind ja alle getauft und christlich und katholisch, und dann ist Jesus doch immer für uns da und immer unter uns. Das stimmt ja zunächst auch.

Aber IN SEINEM NAMEN zusammen zu sein bedeutet, nach dem zu leben, was seine Botschaft aussagt. Und das ist die radikale Forderung nach Frieden, nach Gemeinschaft und nach Liebe. Wir haben das vorhin auch im Römerbrief gehört: “Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe!” … und weiter: “du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.”

In Jesu Namen sollen wir zu Gott beten, sollen wir den Nächsten lieben, sollen wir durch dieses Welt gehen und die Schöpfung bewahren. In seinem Namen sollen wir einander zuhören und einander zurechtweisen. In seinem Namen sollen wir den ungerechten Machthabern dieser Welt Einhalt gebieten. Wenn es sein muss, durch Demonstrationen, öffentliche Diskussionen, Wortmeldungen auf Facebook und Instagram und nicht zuletzt durch das tägliche, ja stündliche Innehalten und Nachdenken: Bin ich auf dem rechten Weg?

Frieden und Nächstenliebe fängt zwar in der Theorie an – man sollte es mal durchdenken – aber relevant wird es erst, wenn ich es auch tue: Wenn nämlich Nächstenliebe zum Inhalt meines Lebens, zur Richtschnur meines Handelns wird. Wenn ich in der Arbeit, in der Schule, in der Gemeinde aufhöre, Menschen auszuschließen, weil mir deren Nase nicht passt. Was ja in Korea nochmal eine besondere Bedeutung bekommt, wenn ich daran denke, das Menschen, deren Nase nicht in Gangnam schönheitsoperiert wurde, ja ganz gerne mal ausgeschlossen werden.

“Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt.“

Fangen wir endlich damit an, ethisch zu leben. Fangen wir endlich damit an, jesuanisch zu denken und handeln. Das ist übrigens auch die beste Prävention vor dem Vergessen unserer Geschichte.

Denn wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen.

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