Allerseelen ist ein stiller Tag. Das Leben „draußen“, der Alltag, der Lärm, die Hektik gehen am 2. November weiter. Wir aber sind aufgerufen, unseren Gedanken Raum zu geben: Den Erinnerungen an verstorbene Menschen aus unseren Familien und Freundeskreisen, Beziehungen und dem Kollegium. Raum geben aber auch den damit verbundenen Gefühlen, der Sehnsucht und der Trauer. Sprich: Wir sollen uns eingestehen, dass wir Menschen sind und menschlich denken, handeln und agieren.
Unsere Menschlichkeit zeigt uns aber auch unsere Grenzen auf: Auf nur rein humanistischer Grundlage Mensch zu sein lässt uns spüren, dass etwas Wesentliches fehlt. Es tut uns gut, eine Vergewisserung zu haben, eine Rückbindung, die uns stärkt. Rückgebunden zu sein – das ist auf lateinisch religatus und kommt von religare, und davon kommt Religion. Diese Verbindung ist sehr vielfältig erfahrbar. Zum Beispiel, wenn wir auf all die Menschen schauen, die uns im Glauben vorangegangen sind und eine solch tiefe Gottesbeziehung hatten, dass wir sie heilig nennen. An die denken wir am 1. November, an Allerheiligen. Also am Tag vorher – das ist eine gute Einstimmung!
Wir glauben, dass die Heiligen bei Gott sind. Und überhaupt alle, die gestorben sind. Vielleicht tut sich der eine oder die andere manchmal schwer mit dieser Vorstellung,, hat Zweifel dabei. Das macht aber nichts – die große Gemeinschaft aller Glaubenden fängt das wieder auf und trägt alle mit. Das ist das schöne an Kirche: Die Gemeinschaft trägt mich in meiner Trauer, in meiner Sehnsucht und meiner Einsamkeit.
Wir brauchen immer wieder eine Zusicherung, dass wir getragen sind. Wir müssen das immer wieder erfahren. Immer wieder lesen, betrachten, beachten. Lateinisch heißt das relegere. Und auch dieses Wort ist eine sprachliche Wurzel für Religion.
In unserer Trauer ist beides wichtig: Das intensive verbunden, zurückgebunden sein und auch das immer wieder neu betrachten, lesen, damit umgehen.
Dietrich Bonhoeffer hat mal gesagt:
„Die Auferstehung Christi macht offenbar, dass wir Zukunft haben. Leiden und Tod verlieren dadurch nichts von ihrer Bitterkeit, aber sie erscheinen in einem neuen Licht.“
Nehmen wir uns die Zeit, die wir zum Trauern brauchen. Und vertrauen wir auf Gott, denn in seinen Händen sind unsere Verstorbenen geborgen.
Ihr und euer Diakon Edgar