Zu den besonders schönen Erinnerungen an die Gottesdienste meiner Jugend in den 80er Jahren gehört für mich das Singen des hebräischen Liedes „Hine mah tov umah-na’im“. (YouTube-Link).
Der Liedtext ist aus Psalm 133,1 und bedeutet „Siehe, wie gut und wie schön ist es, wenn Brüder und Schwestern miteinander in Eintracht wohnen.“
Etwas ist gleich doppelt positiv, nämlich gut und schön: Die Eintracht, das Miteinander. Der Text gehört zu den Wallfahrtspsalmen und wurde von Pilgern und Pilgerinnen gesungen, die auf dem Weg nach Jerusalem waren, zum Beispiel anlässlich der großen Feste, an denen möglichst ganz Israel teilnahm.
Wenn man gemeinsam unterwegs ist und dabei betet und singt, entsteht oft ein Konsens, ein gutes Miteinander, ein Frieden. Das schwingt hier sicher mit: Der zweite Teil des Textes lautet „shevet achim gam yachad“, da geht es eben um die Eintracht der Brüder und Schwestern. Diese Eintracht war zunächst bezogen auf die Familie, bekam aber durch die Wallfahrten eine viel größere Bedeutung. Es ging nicht um ein gleichförmiges Nebeneinander, sondern um ein aktives, versöhntes Miteinander des ganzen Volkes.
Ich erlebe drei Grundmuster, wie wir Menschen uns verhalten: Gegeneinander, Nebeneinander und Miteinander. Vom Gegeneinander haben wir zur Zeit besonders viel in der Welt, mit den schlimmsten Konsequenzen: Krieg, Hungersnöte, Tod und Flucht sind nur einige davon.
Die ganze Menschheit, unabhängig von Religion oder Weltanschauung, sollte das Miteinander aus Psalm 133 anstreben. Davon sind wir aber sehr weit entfernt.
Ich schlage daher vor, dass wir es dort, wo es nur gegeneinander läüft, es mal mit einem Nebeneinander probieren. Das wäre noch kein Frieden, aber es wäre zumindest mal deutlich weniger Leid. Denn Nebeneinander bedeutet zum Beispiel: Leben und Leben lassen. Gelassener werden. Auf die Meinung des anderen hören, auch wenn ich sie nicht teile.
Das Einüben des Nebeneinanderlebens wäre folglich ein großer Schritt in die richtige Richtung: Hin zu einem echten, von Gott gewollten Miteinander in versöhnter Verschiedenheit – nicht nur der Menschen des eigenen Volkes, sondern mit aus allen Völker. Denn dadurch erfahren wir Segen und Leben in ihm (vgl. Ps 133,3). Versuchen wir wegzukommen vom Gegeneinander und machen wir uns auf den Weg: über das Nebeneinander zum eigentlichen Ziel.
Ihr und euer
Diakon Edgar