Predigt am 1. Oktober 2023
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
heute feiern wir doppelt. Die koreanische Gesellschaft feiert Chuseok und die
katholische Kirche feiert Erntedank.
Ob wir nun koreanisch Chuseok feiern oder katholisch für die Ernte Dank sagen
– uns verbindet, dass wir innehalten, uns Zeit nehmen – hier in Korea sogar
mehrere Tage am Stück – und uns bewusst werden, dass wir von den Gaben
dieser Erde leben. Ernährungsphysiologisch heißt das: dass wir ausreichend
Kohlenhydrate, Eiweiße, Fette, Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und
Wasser haben. Familiär heißt es, dass 40 Millionen Menschen in diesen Tagen
durch Korea reisen, um die Herkunftsfamilie zu besuchen, sich an die Vorfahren
zu erinnern und den Verbund der Familie zu stärken. Und theologisch bedeutet
es, dass wir als Christen Gott danken für die Gaben der Erde, für seine
Schöpfung, letztlich für das unendlich kostbare Geschenk des Lebens.
Beim Besuch der Herkunftsfamilie geht es manchmal friedlich und manchmal
nicht so friedlich zu. Das ist dann wie in vielen Fällen an Weihnachten in
Deutschland: Viele Besuche sind Pflichtbesuche. Menschen, die sich sonst eher
aus dem Weg gehen, müssen von jetzt auf gleich stundenlang miteinander
auskommen. Das ist in Deutschland nicht einfach, und da es sich hierbei um
zutiefst menschliche Probleme handelt, auch in Korea nicht.
Irgendwie schaffen wir das aber dann noch, zumindest meistens, dass die
Begegnungen nicht zu holprig werden.
Wenn wir aber daran denken, dass es auch noch eine theologische Frage ist –
wie gesagt, wir danken ja Gott für seine Gaben – dann können wir sehr ins
Schleudern kommen.
Seien wir ehrlich und schauen wir ganz klar hin. Gott dankbar zu sein für seine
Gaben, das ist nicht nur das Thema: Wie schön, dass wir unser tägliches Brot
oder unseren täglichen Reis haben. Denn Gottes Gaben sind viel mehr als das.
Wir alle wünschen uns doch – der eine häufiger, die andere seltener – dass Gott
uns unsere großen Wünsche erfüllt: dass wir unsere Ziele erreichen, dass wir
ein Haus kaufen können, dass wir von einer schweren Krankheit genesen,
vielleicht sogar, dass wir endlich eine Million Euro im Lotto gewinnen. Und
wenn das dann nicht eintritt, wenn uns diese Wünsche nicht erfüllt werden,
obwohl wir doch dafür gebetet haben, dann kommen wir schon mal ins Hadern.
Liebt dieser Gott mich denn überhaupt? Wieso ist mein Nachbar so viel reicher
als ich? Wieso werde ich nicht gesund? Bis hin zu: Gibt es Gott überhaupt?
Warum antwortet er nicht, wenn ich ihn doch so oft und so intensiv darum
bitte?
Oder anders gefragt: All meine Fragen an Gott, meine Gebete und Wünsche an
Gott, das ist doch irgendwie eine Saat, die ich aussäe. Gibt es eine Ernte, die
über Brot und Reis hinausgeht, die die Fragen meines Lebens betrifft? Und
wenn ja: Habe ich dann überhaupt Anteil an der Ernte?
Das ist eine ganz alte Frage der Menschheit, die ich da anspreche. Handelt Gott
überhaupt? Und wenn, handelt er in meinem Sinne?
Ich glaube, dass wir uns selber helfen können in diesen unseren Fragen und
Zweifeln. Wenn wir unseren Weg gehen können, so wie wir uns das vorgestellt
haben, dann ist es Gottes Wille. Und wenn wir auf Widerstände stoßen – was
wir ja nicht wollen, weil und das oft so schwer fällt – vielleicht geht es dann
darum, innezuhalten. Nochmal hinzuschauen. Vielleicht einen anderen Weg zu
suchen. Einen Umweg in Kauf zu nehmen. Oder auch um eine komplette
Neuorientierung. In diesem Fall können wir uns vorstellen, dass Gott uns
schützt.
Gottes Wille und Gottes Schutz – beides brauchen wir. Gott will uns nichts
Böses. Wir glauben an einen Gott, der uns liebt. Der an unserer Seite steht. Der
für uns da ist, Tag und Nacht. Ein Gott, der uns erschaffen hat und möchte, dass
wir das Leben haben und es in Fülle haben.
Denken wir einfach mal darüber nach, wenn wir das nächste mal merken: Es
läuft nicht so, wie ich das geplant habe.
Gott ist kein Gott, der auf Knopfdruck reagiert. Er ist jemand, dem wir mit Liebe
begegnen dürfen – mit der Liebe, die wir zunächst von ihm empfangen haben
und immer wieder neu empfangen werden.
Amen.