Ich bin kein Schaf

Predigt 4. Sonntag der Osterzeit 2023 A

Möchtet ihr ein Schaf sein?
Das heutige Bild im Evangelium gehört zu den Geschichten, die eher etwas
fremd anmuten. Wir kennen alle die am meisten verwendete Erzählungen im
Religionsunterricht, in Kindergottesdiensten und bei der
Sakramentenvorbereitung, das ist die von Jesus als dem guten Hirten, der auf
seine Schafe aufpasst. Das ist wunderschön – einerseits. Der gute Hirte ist
jemand, der Verantwortung übernimmt. Und gerade die Kinder brauchen
Menschen, die verantwortungsvoll sind und aufpassen, dass ihnen nichts
passiert und dass sie nicht verloren gehen. Und wenn doch, dann werden alle
Hebel in Bewegung gesetzt, um dieses Kind zu retten. Das versteht sich von
selbst. Das tun wir als Eltern sowieso, aber im Notfall tun wir das sogar für ganz
fremde Kinder – es geht darum, dass sie nicht verloren gehen.
Das gilt natürlich auch für uns Erwachsenen. Auch wir können verloren gehen –
in Einsamkeit und schwerer Krankheit, in Alkoholsucht und in Abhängigkeit von
weiteren Drogen, in Arbeitslosigkeit und Scheidung und in Trauer um einen
geliebten Menschen, der nicht mehr unter uns weilt.
Auch wir Erwachsenen brauchen Menschen, die sich um uns kümmern. Wie
zum Beispiel eine gute Freundin es tut.
Und da ist das Bild von Jesus als gutem Hirten unschätzbar wertvoll.
Aber im heutigen Evangelium ist das Bild etwas anders. Hier geht es auch um
den Hirten, aber um den, der der Türhüter ist. Das Bild ist noch viel intensiver,
es geht um den Schutz der Schafe vor dem Bösen.
Allerdings – bin ich in diesem Bild ja ein Schaf. EIN SCHAF! Wer von uns möchte
denn gerne ein Schaf sein?
Das Bild passt in die damalige Zeit, weil Jesus an die Lebensrealität der
Menschen angeknüpft hat. Jeder wusste, wie sich ein Hirte zu verhalten hat.
Heute ist das anders. Wenn ich in die Runde schauen und dann fragen würde,
wie viele Hirten und Hirtinnen hier anwesend sind, dann wäre die Antwort
vermutlich bei Null.
Und wenn ich in die 26 Millionen Menschen in Seoul fragen würde, wer denn
Hirte oder Hirtin ist, dann sähe das vermutlich nicht viel anders aus.
Auch wenn wir emotional verstanden haben, was Jesus meint mit dem Bild als
gutem Hirten, gilt es doch, es in unsere Zeit zu übersetzen.
Die Frage ist nun nicht, dabei Jesus selbst zu ersetzen – es geht darum, dass wir
einen neuen Namen finden, da der Beruf des Hirten so selten geworden ist.
Was also ist Jesus für uns heute, im Jahr 2023?
Jesus ist für uns zunächst mal ein Freund. Im 15. Kapitel des
Johannesevangeliums lesen wir: „Ihr seid meine Freunde“ (Joh 15,14).
Jede Freundschaft braucht ein Geben und ein Nehmen.
Jesus sagt weiter: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch
auftrage.“
Freund und Freundin Jesu zu sein heißt, sich seinem Wort zu öffnen und seine
Liebe im eigenen Leben zu spüren. Es heißt, zuzulassen, dass er es gut mit uns
meint. Es heißt, ihm Zeit zu schenken. Das ist gerade im Jahr 2023 wichtiger
denn je – in einem Land, das so sehr von einem unendlich großen
Leistungsdruck gegeißelt wird. Jesus sagt nicht: Bei mir musst du Leistung
bringen. Er sagt: Hör auf mein Wort und lass es Frucht bringen in deinen
Gedanken und in deinen Werken.
Sodann ist Jesus für uns Arzt und Therapeut. Jede gute Ärztin, jede gute
Therapeutin ist bestrebt, dem kranken Menschen zu helfen, dass er wieder
gesund und heil wird. Die ganze christliche Religion basiert auf der Erkenntnis,
dass Jesus der Heiland ist. Heiland ist der, der Heil bringt, der Heilung bringt.
Und Jesus hat uns nicht nur erlöst, er bringt uns Heil in den Sakramenten. Im
Sakrament der Eucharistie begegnen wir ihm ganz persönlich und er wendet
sich uns voller Gnade zu und möchte uns heilen. Das Heil finden wir aber auch
und zunächst in der Taufe, denn durch sie sind wir ganz und gar mit Jesus
Christus verbunden.
Christus ist der Heiland, der Heiler der Welt.
Und dann ist er der erste und oberste Seelsorger der Menschheit. Christus ist
der, der sich um unsere Seelen sorgt! Er möchte, dass wir schon in diesem
irdischen Leben, aber auch im ewigen Leben gesund an Leib und Seele sind.
Nun wissen wir alle, dass das zumindest hier auf Erden so nicht stattfindet. Es
gibt weltweit 30.000 bekannte Krankheiten, die unendlich viel Leiden
verursachen.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Jesus trotzdem und deswegen
möchte, dass es uns gut geht, zumindest unserer Seele gut geht. Und damit wir
dieses Ziel erreichen, brauchen wir immer wieder neu, jeden Tag, manchmal
jede Stunde sogar, die Gewissheit, dass wir geborgen sind. Dass wir eine
Zukunft haben. Dass es einen Sinn im Leben gibt.
Und diesen Sinn finden wir ganz sicher nicht im Alkohol oder in der eigenen
Karriere. Es hat offensichtlich gute Seiten, wenn man sich dreimal die Woche
abends trifft und sich dem Soju hingibt. Es hat offensichtlich gute Seiten, wenn
wir genug Geld verdienen und uns ein angenehmes Leben machen können.
Sonst würde das ja keiner tun.
Aber es hat auf Dauer keinen Bestand – eine Krebsdiagnose zum Beispiel kann
die eigene Karriere über den Haufen werfen.
Jesus ist Seelsorger, weil er sich um unsere Seele sorgt. Seele ist das, was auf
jeden Fall unseren irdischen Tod überdauert. Das, was ganz wesentlich zu uns
gehört. Das was zu Gott zurückkehrt, der sie uns gegeben hat. Diese Seele
leidet durch so viele Umstände – und dadurch leidet auch unser Körper und
unser Geist. Jesus möchte, dass es uns ganz und gar gut geht.
Auch wenn ich kein Schaf bin: Ich darf das Bild vom guten Hirten annehmen als
etwas, das mein Leben bereichert und mich beschützt und mich als ganzes
sieht.
Amen.

Entdecke mehr von Edgars Reiseblog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen