Zwillinge unterhalten sich

Predigt 3. Ostersonntag 2023, 22. und 23.04.2023: Zwillinge unterhalten sich

Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch seiner Mutter.
1 „Sag mal, glaubst du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?“
2 „Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden stark für das was
draußen kommen wird.“
1„Ich glaube, das ist Blödsinn! Es kann kein Leben nach der Geburt geben – wie
sollte das bitteschön aussehen?“
2 „So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller sein als
hier. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund tolle Sachen
essen?“
1 „So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für
eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns nährt. Und wie willst
du herumlaufen? Dafür ist doch die Nabelschnur viel zu kurz.“
2 „Doch, das geht ganz bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders
sein.“
1 „Du träumst wohl! Es ist doch noch nie einer zurückgekommen von ’nach der
Geburt‘. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende! Punktum!“
2 „Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben ’nach der Geburt‘ aussehen
wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden und sie wird
sicher für uns sorgen.“
1 „Mutter??? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn
bitte?“
2 „Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie.
Ohne sie könnten wir gar nicht sein!“
1 „Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie
auch nicht!
2 „Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie leise singen hören.
Oder spüren, wenn sie unsere Welt ganz sanft und liebevoll streichelt …“
(Nach Henri Nouwen)

Liebe Schwestern und Brüder,
diese Geschichte stammt von Henri Nouwen, einem katholischen Priester aus
den Niederlanden. Er schrieb eine Fülle von Texten, die stets zum Nachdenken
anregen. Das Gespräch der zwei Zwillinge bringt mich zu drei Gedanken, die ich
mit euch teilen möchte.
1. Es geht um das Leben nach der Geburt. Aus der Sicht der beiden
ungeborenen Kinder ist das, was für uns so selbstverständlich ist, völliges
Neuland. Wie soll man denn auch aus der Gebärmutter heraus wissen,
was dann nach der Geburt kommt? Und was eine Mutter wirklich ist und
was sie bedeutet? Der eine Zwilling hat einen Glauben, der ihn mit
Hoffnung erfüllt, der andere nicht.
2. Natürlich sind wir aufgefordert, die Geschichte nachzudenken in Bezug
auf unseren Glauben an ein Leben nach dem Tod. Ich denke, dass das
klar geworden ist. Es geht uns nicht anders als den Zwillingen: Mal mit
Glauben, mal mit Zweifel bewegen wir uns durch unsere Leben und
gehen auf den Tod zu. Und was dann? Vor zwei Wochen haben wir
Ostern gefeiert. Das ist das Fest der Auferstehung von den Toten. Wir
alle sind durch den Tod und die Auferstehung Jesu gerettet und werden
ein Leben nach dem Tod haben. Egal, was wir im Moment spüren oder
nicht spüren – die Erlösung durch Jesus Christus ist eine Tatsache, auf die
wir uns verlassen können.
3. Und dann gibt es aber noch einen dritten Punkt. Und diesen Punkt finden
wir sowohl in der Geschichte als auch im heutigen Evangelium:
Es geht um die Erkenntnis. Einerseits ist Erkenntnis die Einsicht von dem,
was wir durch Eindrücke und Erfahrungen gewonnen haben.
Andererseits geht es auch um die Fähigkeit, etwas zu erkennen, das aber
eigentlich außerhalb unserer menschlichen Grenzen existiert. Und hier
beginnt das, was wir unter „Glauben“ verstehen. Glauben hat sehr viel
mit Erkenntnis zu tun. Dazu kommt aber noch ein weiterer Punkt:
Glauben hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Die Emmausjünger
vertrauen dem Fremden, den sie nicht als Jesus erkennen, und nehmen
ihn mit nach Hause – und sie erkennen ihn beim Brotbrechen. Und die
Zwillinge haben ja die Chance, durch das Singen der Mutter und durch ihr
streicheln in ihrer Erkenntnis zu wachsen – um dann nach der Geburt die
Erfahrung zu machen, dass es ein Leben nach der Geburt gibt.
Vertrauen wir darauf: Die Zusage von Jesus Christus steht fest verwurzelt
in unserem Leben. Es geht weiter. Auch nach unserem Tod.
Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden. Halleluja!
Amen.

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