Predigt 2. Ostersonntag 2023 16.04.2023
Ich hatte Zweifel.
Liebe Kinder und Jugendlichen, liebe Schwestern und Brüder,
schon oft hatte ich Zweifel.
– Zweifel an mir: Mache ich das richtig so, wie ich mein Leben gestalte?
– Zweifel an anderen: Meinen die das ehrlich mit mir?
– Zweifel an Gott: Was will er eigentlich wirklich von mir?
Zweifel gehören zum Leben und Zweifel gehören zum Glauben.
Moment – wie bitte? Darf man denn als Christin, darf man denn als Christ
zweifeln an Gott?
Es gibt Menschen, die das strikt verneinen. Die sagen: Wer zweifelt, glaubt
einfach nicht stark genug. Oder glaubt auf die falsche Weise. Oder nimmt sich
zu wichtig. Und die dann auch noch sagen: Wenn du zweifelst, gehörst du nicht
dazu.
Aha.
Solche Menschen habe ich immer wieder erlebt. Und mir dann gedacht: Ach
nein, die Gesellschaft solcher Menschen tut mir nicht gut. Da schau ich doch
lieber mal – in die Bibel. In das heutige Evangelium.
Da kommt der Apostel Thomas vor. Er hatte über viele Jahrhunderte den
Beinamen „der Zweifler“. Und das alleine deswegen, weil er sich nicht auf das
Wort der anderen verlassen hat, die ihm erzählten, dass Jesus auferstanden sei.
Thomas wollte eindeutige Beweise haben. Die bekam er auch – von Jesus
selbst.
Und weil Jesus ihm sagt: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die
nicht sehen und doch glauben“ wurde er auch noch als der „ungläubige
Thomas“ bezeichnet.
Ist es denn Unglaube, wenn ich einen Beweis brauche, dass Gott gute Dinge
tut?
Ist es nicht zutiefst menschlich, wenn ich mich schwer tue, die Grundannahmen
unseres Glaubens einfach so zu übernehmen? Als erwachsene Menschen
haben wir gelernt, die Dinge kritisch zu hinterfragen. Wir sprechen auch vom
„erwachsenen Glauben“ im Unterschied zum „kindlichen Glauben“. Klar – Jesus
selbst sagt uns, dass wir werden sollen wie die Kinder. Und dennoch haben
unsere Zweifel ihre Berechtigung: Denn sie fordern uns heraus, ganz genau
hinzuschauen. Und zwar auf das, was da sonst noch in der Bibel steht. Uns ist
nämlich nicht damit geholfen, die Bibel als Steinbruch zu nehmen, eine
Bibelstelle herauszulösen und sie ganz isoliert zu betrachten. Das mag für
manche Menschen scheinbar leichter sein, ist aber letztlich nicht hilfreich,
gerade wenn wir ringen um unser Gottesbild, um unser Verstehen von dem,
was Gott will.
Daher nehme ich jetzt noch eine zweite Bibelstelle hinzu:
Sie steht in der heutigen ersten Lesung aus der Apostelgeschichte. Da heiß t es:
„Und alle, die glaubten, waren an dem selben Ort und hatten alles gemeinsam.“
Das ist eine ganz wichtige Stelle. Denn hier geht es darum, dass wir als
Menschen, die mit Christus in unserem Leben unterwegs sind, die
Gemeinschaft brauchen. Die Gemeinschaft der anderen, die vielleicht ganz
andere Berufe haben, andere Lebenserfahrungen gemacht haben, ganz anders
ticken. Gerade die Gemeinschaft mit diesen anderen Menschen ist für unseren
Glauben zentral wichtig.
Denn dadurch gibt es Austausch und einen ständiges Lernen voneinander. Die
Gemeinschaft trägt den einzelnen.
Gerade im Glauben.
Wenn wir nachher das Glaubensbekenntnis sprechen, dann beginnen wir es
einerseits mit den beiden Worten ICH GLAUBE. Denn Glaube ist etwas ganz
persönliches. Andererseits tun wir es gemeinsam. Und es ist eine alte
Erkenntnis, dass es gut tut, so etwas gemeinsam zu tun. Denn auch dann, wenn
ich an einzelnen Sätzen aus dem Glaubensbekenntnis so meine Zweifel habe –
in der Gemeinschaft der Kirche, auch in der Gemeinschaft ganz konkret hier in
Seoul, wird es immer jemand geben, der oder die genau diesen Glaubenssatz
annimmt. Diese Person glaubt in diesem Moment für mich mit, trägt mich mit,
erträgt meine Zweifel, obwohl diese ja gar nicht ausgesprochen werden.
Aber das macht Kirche aus: Dass wir gemeinsam unterwegs sind. Und
gemeinsam glauben. Amen.