Nachruf auf Weihbischof Timotheus Yu

Predigt am 17.08.2025 – Nachruf auf Weihbischof Timotheus Yu

Es ist eine schlimme Szene, die Jesus da heute beschreibt. Jeder steht gegen jeden. Zwei stehen gegen drei, Vater gegen Sohn, Mutter gegen Tochter – einfach eine Situation des totalen Unfriedens.

Auch wenn das Gott sei Dank nicht immer und überall so ist – Unfrieden und soziale Ungerechtigkeit sind doch an der Tagesordnung.

Und wir alle leiden darunter.

Jesus bezieht das darauf, dass seine Botschaft für Spaltung sorgt. Er verlangt, dass man sich letztlich ganz und gar in seine Nachfolge stellt – und das reißt viele Angehörige, Freunde und Kollegen aus ihrem Trott heraus. Sich für Jesus zu entscheiden heißt: Sein Leben ganz neu auszurichten.

Ein wesentliches Merkmal dafür ist der Dienst am Nächsten. Jesus hat mal gesagt, dass wir alle einander die Füße waschen sollen. Das ist ein Bild dafür, dass wir uns niemals zu fein dafür fühlen sollen, einem anderen Menschen zu helfen, sein Leben zu meistern. In aller Not beizustehen. Auch unangenehme Dinge zu tun, damit der andere wieder auf die Beine kommt -oder aber schlicht und ergreifend überleben kann.

Den Aufruf Jesus zum Füße waschen hat sich Weihbischof Timotheus Yu auf sein bischöfliches Wappen geschrieben. Timotheus Yu wurde 2014 zum Bischof im Erzbistum Seoul geweiht, und man kann zurecht sagen, dass seine Bischofsweihe seine Hingabe zu den Menschen in Not noch vertieft hat. Denn diese Hingabe hat er sein Leben lang gelebt.

Timotheus war ein Mann, der voll und ganz in der Nachfolge Jesu stand. Das Evangelium war nicht einfach ein Teil seines Lebens, es war Grundlage und Alltag und durchdrang seine ganze Existenz. In den letzten beiden Tagen ist sehr viel über ihn geschrieben worden. Videos werden veröffentlicht und Fotos: Beim Verteilen von Essen an arme Menschen, beim Singen mit der Jugend, beim Gottesdienst auf der Straße. Timotheus fuhr ein Auto, das über 20 Jahre alt war. Als er vor zwei Jahren zu uns zur Firmung kam, saß er in einem teuren Dienstwagen und kam mit Chauffeur, aber das war ihm ganz offensichtlich gar nicht recht.

Ich erinnere mich sehr gerne an die Gespräche, die ich mit ihm haben durfte. Er war immer fokussiert auf die Fragen und Anliegen, die ich hatte. Durch seine hervorragenden Deutschkenntnisse -er hatte ja in Frankfurt studiert und in Ethik promoviert -lag ihm alles was mit deutschsprachiger Tradition, Kultur und Kirche zu tun hatte, sehr am Herzen.

Er war unserer Gemeinde über sehr viele Jahre so verbunden, dass er immer wieder nachfragte, wie es uns geht und was wir in der Gemeinde gerade tun. Ich erinnere daran, was ich gestern noch mal nachgelesen habe, dass er 2016 das 30jährige Gemeindejubiläum mitgefeiert hat.

Bei der Vorbereitung des Firmgottesdienstes im März 2023 saß ich bei ihm im Büro neben der Kathedrale in Meyondong  und wir besprachen Punkt für Punkt die Lieder und Gebete. Als wir zur Predigt kamen, schaute ich ihn erwartungsvoll an, mir war klar, dass er natürlich predigen würde. Aber Bischof Timotheus sagte nur: Edgar, das ist deine Gemeinde. Du hast die Jugendlichen auf die Firmung vorbereitet, und ich möchte, dass du auch predigst.

Ich habe diese Worte heute noch im Ohr. Timotheus Yu hat sich nie vor Arbeit gedrückt. Er hatte einfach den Eindruck, dass er zu wenig wusste über die Gemeinde und wollte daher die bestmögliche Verkündigung.

Beim Kirchencafé nach der Firmung haben wir ihm Geschenke gemacht – er hat sie alle abgelehnt. Nicht er war wichtig, nein – es gab für ihn immer Menschen, die solche Geschenke dringender brauchen. Unsere Geldspende gab er umgehend weiter an die Suppenküche Myeongdong Babjib. In der Spendenbescheinigung heißt es auf Englisch und auf Koreanisch:

„Ihr Beitrag wird mithelfen, dass die Benachteiligten  eine Mahlzeit erhalten, die sie täglich benötigen, und er wird ihnen auch dabei helfen, ihr Leben wieder aufzubauen.“

Bischof Timotheus ist in der Nacht auf Freitag in das Reich Gottes eingegangen. Er wird nun die Freude spüren, die uns allen versprochen ist, durch Jesus Christus persönlich. Timotheus ist nun an einem Ort, der keine Schmerzen und keine Krankheit kennt, keinen Streit und keine Zwietracht und keine Eifersucht. Er ist bei Gott, er ist geborgen in seiner großen Liebe und Barmherzigkeit. Ich verneige mich vor einem Mann, der mir ein großes Vorbild bleibt in seinem Verständnis des Evangeliums und den tagtäglichen Konsequenzen, die er daraus gezogen hat.

 

Ruhe in Frieden, lieber Bischof Timotheus – und lebe in der Gegenwart Gottes. Wir werden uns einst wiedersehen.

Amen.

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