02.04.2010 Predigt zum Karfreitag 2010
„In kirchlich grauenvoller Zeit’ schicke ich dir einen vorösterlichen Gruß“.
Das schrieb mir gestern, am Morgen des Gründonnerstags, ein kirchlich sehr engagierter Freund aus dem Raum Frankfurt.
In kirchlich grauenvoller Zeit – das Wort hat mich nicht mehr losgelassen. Bedrückend, furchtbar, schrecklich, abscheulich – das alles wird mit „grauenvoll“ verbunden. Mein Freund hat Recht: Es ist eine bedrückende Zeit in unserer Kirche.
Eine Zeit, in der dreimal pro Woche neue schreckliche, kircheninterne Fakten oder zumindest entsprechende Vorwürfe ans Tageslicht kommen. Fakten, die teilweise sehr offen angegangen werden, teilweise aber auch erst nach langem Verleugnen zugegeben werden.
Eine Zeit aber auch, in der schon die Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche verfemt ist – wie mir ein junger Kaplan erzählte, der kürzlich mit Kollarhemd, schwarzem Anzug und Kreuz auf dem Revers in der Augsburger Innenstadt unterwegs war und angespuckt wurde.
Denn das gibt es auch: Vorurteile, Sippenhaftung und auch Anschuldigungen, die einfach unwahr sind, aber verbreitet werden, weil solches Verhalten einfach sehr viel Aufmerksamkeit bekommt.
Da gelten die Prinzipien des Rechtsstaates nicht mehr – und das Stichwort „Unschuldsvermutung“ ist da längst vergessen.
Schon die Zugehörigkeit zur Kirche ist schwierig – das Bekenntnis dazu offensichtlich noch viel schwieriger.
Kirche – liebe Schwestern und Brüder, das Wort kommt aus dem Griechischen – kyriake – und heißt übersetzt: alle die, die zum Herrn, zum Kyrios gehören.
Zum Herrn gehören aber zunächst mal ausnahmslos alle, die getauft sind, so wie sie sind, mit ihren Talenten und Stärken und Möglichkeiten, aber auch mit ihren Grenzen und Fehlern und Unmöglichkeiten. Alle diese Menschen gehören zum Herrn!
Und deswegen ist es absolut notwendig und unabdingbar, dass die, die zum Herrn gehören, sich mit dem auseinandersetzen, was der Herr getan hat, wie er gelebt hat und wie das – vorläufige – Ende seines Lebens war.
Ohne diese Themen, ohne den Blick auf den Karfreitag, ohne den Blick in das Evangelium, kommen wir zu keiner christlichen Lösung der bedrückenden Probleme, die wir gerade erleben.
Das gesamte Evangelium versteht sich von der Passions- und Auferstehungsgeschichte her. Alle jesuanischen Geschichten, Wunder, Heiligen, Begegnungen, aber auch das erlebte und erzählte Leben der Menschen damals mit ihren vielen Belastungen und ihrer Schuld und allem Versagen – all das wird uns erzählt einzig und allein im Blick auf die Ereignisse von Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern. Und die Gottesdienste dieser drei Tage betonen das auf unüberbietbare Art und Weise.
Heute steht im Mittelpunkt das Leiden und Sterben des Herrn.
Nun hätte der Evangelist Johannes das alles auch erzählen können, in dem er einfach die Fakten benannt hätte. In Stichworten aufgeschrieben klänge das dann ungefähr so:
Verrat, rechtswidrige Anklage, falsche Zeugen, Verhöre, Folter, kleingeistiges Verhalten, Angst vor Obrigkeit, falsches Urteil, Leidensweg, Kreuzigung, Tod, Bestattung.
Das alles hätte man – mit heutigen Augen gesehen – journalistisch sehr reißerisch aufmachen können – es wäre Thema für viele Wochen gewesen.
Nun – das alles WAR UND IST Thema für viele Wochen – und Monate, Jahre, Jahrzehnte, inzwischen zwei Jahrtausende, und immer so weiter.
Aber nicht etwa deshalb, weil diese Geschichte, weil das Evangelium Jesu Christi etwa reißerisch dargestellt worden wäre, sondern weil sie in dutzenden von persönlichen Begegnungen, Beziehungen und Erlebnissen erzählt wird.
Weil die Menschen sich im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder finden konnten in den Evangelien. Weil es hier um die Beziehungen zwischen dem einzelnen Menschen, dem belasteten, schuldig gewordenen Menschen und Gott geht, dem Gott, der die Not der Menschen erkannt hat und daher seinen Sohn sandte, um die Menschheit zu erlösen.
Das Christentum wird daher mit einem ganz wichtigen Wort bezeichnet: Es handelt sich um eine Beziehungs-Religion. Es geht um die ganz persönliche Beziehung zwischen mir und Gott, zwischen dem glaubenden oder zweifelnden Menschen, dem das eine gelingt und der beim anderen scheitert, und dem Schöpfer-Gott, der das unglaubliche und oft bezweifelte verwirklicht und den Tod überwindet.
Für uns persönlich, hier und heute, in dieser kirchlich grauenvollen Zeit, heißt das:
- Die Medien beherrschen unser Denken und Fühlen. Aber nicht die reißerischen Überschriften in den Medien sollten unser Gottes- und Kirchenbild prägen, sondern der Blick in das Evangelium, das unser Leben prägen will. Denn dort finden wir so tragfähige Strukturen, dass unser Glaube gut gestützt wird.
- Die Passionsgeschichte verweist uns an verschiedenen Stellen auf die Schuld einzelner Menschen. Von Anfang der Kirche an gab es Menschen, die schuldig geworden sind, und dennoch im Heilsplan Gottes vorkommen. Petrus, also der, der Jesus dreimal verleugnete, wurde später sogar der erste Papst! Das sollte uns Mut machen, mit unserer eigenen Schuld zum Herrn zu gehen und ihn um Verzeihung zu bitten.
- Die aktuellen Vorwürfe an katholische Priester müssen innerkirchlich wie rechtsstaatlich genau so aufgearbeitet werden, wie vergleichbare Vorwürfe an außerkirchliche Verantwortungsträger. Wir selbst sollten dabei in großer gedanklicher Klarheit, aber auch in christlichem Denken nicht verurteilen, sondern aktiv an einer besseren, einer österlichen Kirche arbeiten.
Liebe Schwestern und Brüder, keiner von uns ist der Heiland. Wir müssen diese Welt nicht erlösen – sie ist es schon. Das mag zuweilen schwer nachvollziehbar sein, wenn wir diese Welt anschauen. Aber gerade das Evangelium, gerade die Passionsgeschichte zeigt uns, wie viel Unheil es in der Welt gibt. Und gerade all dieses Unheil belastete vor 2000 Jahren das Kreuz, und es wurde von Jesus Christus getragen, und mit in den Tod genommen.
Amen.