Von zwei Männern möchte ich heute erzählen. Der eine heißt Mario und der andere heißt Thomas.
Der eine lebte bis vor Kurzem, der andere ist vor 2000 Jahren gestorben. Ich rede von Mario Adorf
und vom Apostel Thomas.
Mario Adorf ist vor ein paar Tagen gestorben. Er war ein ganz berühmter, großer Schauspieler, der
1957 seinen Durchbruch schaffte. Er tauchte in Rollen auf, in denen er oft den Bösewicht darstellte – in Winnetou zum Beispiel war er der böse Santer.
Später glänzte er in Die Blechtrommel oder in einer seiner größten Rollen im Großen Bellheim. Vom Darsteller des Bösen entwickelte er sich zum großen Charakterdarsteller, der eine beeindruckende Karriere gemacht hat.
In den letzten Tagen wurden viele Nachrufe geschrieben, wie es bei solchen Menschen angemessen ist. Man hat aufgezählt, was er alles getan hat. Er war Synchronsprecher war und hat Bücher geschrieben. Richtig so. Und dann tauchte oft auf, man meine, es gehöre zu ihm dazu: Mario Adorf sei „ungläubig“ gewesen.
Dabei stimmt das nicht. Wenn man auf das hört, was Mario Adorf selber gesagt hat, kann man einen anderen Ton, einen anderen Akzent wahrnehmen. Er sagte nämlich: „Der Weg zum Glauben ist mir verwehrt worden.“ Er erzählte von seiner Erfahrung in einem Kinderheim in der Eifel, in dem er aufgewachsen ist – ausgerechnet in einem katholischen Kinderheim. Dort hat er so schwere Erfahrungen gemacht, dass er sagte: „Ich konnte diesen Weg nicht weitergehen, der Weg zu Gott war mir versperrt.“ Er sagte nicht: „Ich bin ungläubig.“ Er hat betont, dass ihm sein Weg verwehrt wurde. Das, finde ich, ist etwas ganz anderes.
Der zweite Mann ist Thomas, von dem wir gerade im Evangelium gehört haben. Einer der zwölf
Apostel, von dem wir wissen, dass er ein kritischer Mensch war. Jemand, der nachfragte und
vielleicht auch mal unangenehm auffiel. Er war nicht dabei, als Jesus den anderen Jüngern erschien, und sagte: „Das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass Jesus auferstanden ist.“ Deswegen wurde er in der Kirchengeschichte immer wieder als der „ungläubige Thomas“ bezeichnet.
Doch acht Tage nach der Auferstehung treffen sie sich alle wieder. Jesus kommt trotz
verschlossener Türen dazu, zeigt sich Thomas und sagt: „Schau her, nimm deinen Finger, leg ihn in meine Wunden. Ich bin tatsächlich auferstanden, ich bin der Richtige.“ Was Thomas dann aber nicht macht: Er legt seine Finger nicht in die Wunden. Er sagt stattdessen einfach: „Mein Herr und mein Gott.“
Deswegen gibt es Theologen, die sagen, man dürfe ihn überhaupt nicht den „ungläubigen Thomas“ nennen, sondern vielleicht den „Zweifler“ oder sogar den „gläubigen Thomas“. Von diesem Apostel gehen wir aus, dass er im Jahr 52 nach Christus in Indien an der malabarischen Küste ankam und dort eine Kirchengemeinde gründete. Die Thomaschristen haben bis heute einen eigenen Ritus und sind eng mit der katholischen Kirche verbunden. Dieser Mann, der als ungläubig bezeichnet wurde, wurde letztlich zum Missionar und Gründer einer ganzen Kirche.
Die beiden Männer haben etwas gemeinsam: Man hat ihnen Attribute gegeben, die so nicht einfach auf sie passen. Wir müssen genauer hinschauen. Beim Apostel Thomas dürfen wir nicht einfach sagen, er sei ungläubig gewesen. Er war jemand, der fragte und Gewissheit haben wollte. Zweifel zu haben gehört zum Glauben dazu. Und bei Mario Adorf? Er hatte durch die Erlebnisse im Kinderheim so schwere Erfahrungen gemacht, dass er diesen Weg nicht weitergehen konnte. Kann man da sagen, er war ungläubig? Wem steht dieses Urteil eigentlich zu?
Gott allein weiß, was ein Mensch gefühlt und geglaubt hat, wie er gehandelt hat und was seine
Intentionen waren. Wenn wir von Menschen hören, die gestorben sind, sollten wir nicht diejenigen sein, die urteilen oder gar verurteilen. Wir sind diejenigen, die sich in einer Reihe mit anstellen können, denn auch wir sind unterwegs. Auch wir haben unsere Hindernisse auf dem Weg zu Gott und unsere Zweifel.
Was machen wir mit unseren eigenen Zweifeln und den Hindernissen in unserem Leben? Ich denke, dass sowohl Mario Adorf als auch der Apostel Thomas uns hier weiterhelfen können. Mario Adorf hat sich nach seinen schweren Erfahrungen nicht in ein stilles Kämmerlein zurückgezogen, sondern ist als Schauspieler und Schriftsteller aufgeblüht. Er hat etwas aus seinem Leben gemacht und wurde zum Vorbild. Und der Apostel Thomas hat eine ganze Kirche auf die Beine gestellt. Ich war vor zwei Jahren in Indien und war beeindruckt, wie lebendig diese Kirche ist und wie sehr sie auf ihren Apostel baut.
Zweifel zu haben gehört zum Glauben dazu. Dass wir einen festen Glauben haben, ist natürlich
unser „Kerngeschäft“, an dem wir intensiv arbeiten sollen. Aber Glaube und Zweifel gibt es oft gar
nicht ohne einander.
Noch ein Punkt aus dem Evangelium: „Acht Tage danach“. Das ist in der biblischen Sprache ein
Hinweis darauf, dass sich manches entwickeln muss. Unser Glaube braucht Zeit. Unser Weg zu
Gott braucht Zeit. Auch die Fragen, auf die wir erst einmal keine Antworten erhalten, brauchen Zeit.
Nehmen wir uns diese Zeit. Feiern wir Ostern so, wie wir sind – mit unserem Glauben, unseren
Hindernissen und unseren Zweifeln. Freuen wir uns, dass Christus auferstanden ist, denn das ist der Mittelpunkt unseres ganzen Lebens.
In diesem Sinne: Frohe und gesegnete Ostern.
