Predigt an Palmsonntag 13.04.2025
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir die Bibel richtig verstehen wollen, besonders das Neue Testament, dann sollten wir uns immer eine grundlegende Frage stellen: Was ist die Absicht hinter dem Text? Warum wurde er so geschrieben? Warum wurde er genau so zusammengestellt, wie wir ihn heute in der Bibel finden?
Die biblischen Texte sind keine zufällige Sammlung, sondern eine Komposition. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas haben teilweise voneinander übernommen und ihre Berichte gestaltet. Beim Evangelisten Johannes ist es etwas anders, aber auch er schreibt aus dem heraus, was er selbst erfahren oder was ihm von Zeuginnen und Zeugen überliefert worden ist.
Die Verkündigungsabsicht eines solchen Textes nennt man Kerygma. Dieses Wort ist sehr wichtig, denn es hilft uns zu verstehen, worum es eigentlich geht. Wenn wir einen biblischen Text lesen, sollten wir uns fragen: Was will dieser Text sagen? Was lese ich vielleicht selbst hinein? Und welche Bedeutung hat er für mich heute?
Ich möchte das am Beispiel des Evangeliums vom Einzug Jesu in Jerusalem verdeutlichen. Wir haben draußen die Palmzweige in den Händen gehalten, sie gesegnet und mit in die Kirche gebracht. Damals legten die Menschen ihre Kleider und Palmzweige auf den Weg und jubelten Jesus zu.
Und doch hören wir wenige Tage später in der Passion, dass Menschen rufen: „Kreuzige ihn!“ Wie passt das zusammen? Sind Menschen wirklich so sprunghaft? Haben sie alles vergessen?
Genau hier hilft uns der Blick auf das Kerygma. Die Absicht dieses Evangeliums ist es zu zeigen: Jesus ist der Messias, der Sohn Gottes. Sicher gab es Menschen, die ihn als solchen erkannt und ihm zugejubelt haben. Aber es müssen nicht dieselben gewesen sein, die später seinen Tod gefordert haben.
Wir müssen aufpassen, dass wir das Geschehen nicht zu einfach und pauschal verstehen. Auch die Berichte über die Passion haben eine Aussageabsicht. Immer wieder hören wir dort den Hinweis: „Damit sich die Schrift erfülle.“ Das, was im Alten Testament angekündigt wurde, soll sich in Jesus erfüllen. Und diese Erfüllung geschieht auch im Leiden und Sterben am Kreuz.
Natürlich gab es Menschen, die gegen Jesus waren – Schriftgelehrte, Pharisäer und eine aufgebrachte Menge. Aber wir dürfen uns nicht vorstellen, dass ganz Jerusalem einheitlich dachte oder handelte. Es gab Menschen, die zu Jesus standen, Menschen, die ihn ablehnten, und solche, die unsicher waren oder ihre Meinung änderten.
Ein Beispiel dafür ist Petrus. Er verleugnet Jesus dreimal. Als der Hahn kräht, erkennt er, was geschehen ist, und ist zutiefst erschüttert. Und doch entscheidet er sich später wieder für die Nachfolge.
So war es damals – und so ist es auch heute. Es gibt Menschen, die glauben, andere, die zweifeln, und wieder andere, die suchen oder unsicher sind.
Für uns bedeutet das: Wir dürfen nicht vorschnell urteilen oder pauschal denken, wir wüssten schon genau, was damals war. Vielmehr sind wir eingeladen, uns immer wieder neu mit den biblischen Texten auseinanderzusetzen – aufmerksam, differenziert und offen.
Das Kerygma dieser Tage ist klar: Hier erfüllt sich Gottes Heilsplan. Was am Palmsonntag beginnt, führt über das Leiden und den Tod Jesu hin zur Auferstehung – zum Höhepunkt unseres Glaubens und des ganzen Kirchenjahres.
Diesen Weg sind wir eingeladen mitzugehen: mitzufeiern, mitzutragen und auch auszuhalten. So, wie wir sind – mit unseren Zweifeln, unseren Fragen, unseren Schwierigkeiten, aber auch mit unserem Vertrauen.
Das gilt für die ganze Kirche. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die glauben, Menschen, die zweifeln, und Menschen, die suchen. Wir alle sind gemeinsam unterwegs.
Machen wir uns auf den Weg durch diese Heilige Woche im Bewusstsein: Auch wir sind Suchende. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass wir gefunden werden – von Jesus Christus, der gelitten hat, gestorben ist und für uns auferstanden ist.
Amen.
