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Wenn wenig alles ist

Predigt am 10.11.2024 Wenn wenig alles ist

Liebe Schwestern und Brüder,

in der Lesung und im Evangelium begegnen uns heute zwei arme Witwen. Die Lesung aus dem ersten Buch der Könige bereitet thematisch das Evangelium vor. Schon dort sehen wir die Einfachheit einer Witwe, die in einer Zeit großer Not alles daransetzt, sich und ihren Sohn am Leben zu erhalten. Und doch ist sie bereit, das wenige, das sie noch hat, mit dem fremden Propheten zu teilen. Sie tut das ohne Berechnung, ohne zu wissen, wer dieser Fremde ist und welches Wunder sie am Ende erwarten könnte. Ihre Hingabe geschieht absichtslos – aus einem offenen Herzen heraus.

Im Evangelium steht eine ähnliche Gestalt, aber der Zusammenhang ist ein anderer. Die Szene spielt, nachdem Jesus das geschäftige Treiben im Tempel beobachtet hat. Er äußert eine scharfe Kritik an den Schriftgelehrten. Ihre Lehre beansprucht Autorität, aber ihre Lebensführung widerspricht dem, was sie verkünden. Der Vorwurf ist deutlich: Scheinheiligkeit.

Wenn wir uns daran erinnern, dass Jesus erst kurz zuvor das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe als Erfüllung des ganzen Gesetzes hervorgehoben hat, dann sehen wir hier das Gegenbild dazu: Menschen, die ihre eigene Ehre suchen, die auf ihr Ansehen bedacht sind und die Religion zu etwas machen, das dem eigenen Vorteil dient. Das Heil der Menschen wird dabei beinahe zu einem Gegenstand des Handels.

Und genau in diesen Kontrast hinein tritt die arme Witwe.

Sie steht im Mittelpunkt, weil an ihr sichtbar wird, wie Gott sieht. Im ersten Buch Samuel heißt es: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“ Jesus erkennt die ganze Hingabe, die in den zwei kleinen Münzen dieser Frau liegt. Äußerlich ist es wenig. Innerlich ist es alles.

Damit entlarvt Jesus zugleich die Selbstgerechtigkeit der religiösen Elite und stellt ihr die Lauterkeit eines einfachen, absichtslosen Herzens gegenüber.

Jesus ruft uns damit zu Ehrlichkeit im Glauben. Er fordert uns auf, uns nicht von äußeren Maßstäben leiten zu lassen. Weder das, was wir bei anderen sehen und vielleicht kritisieren, darf unsere eigene Gottesbeziehung bestimmen, noch dürfen wir selbst in die Gefahr geraten, Glauben zur Selbstdarstellung werden zu lassen. Wo Eitelkeit und Ehrgeiz Raum gewinnen, verliert der Glaube seine Tiefe.

Liebe Schwestern und Brüder,

Lauterkeit und Ehrlichkeit im Glauben sind keine Nebensachen. Sie sind das Fundament unseres christlichen Lebens. Ein aufrichtiges Herz gibt uns die Kraft, auch in schwierigen Zeiten standhaft zu bleiben. Es bewahrt uns davor, uns im Äußeren zu verlieren, und hilft uns, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren.

Gehen wir deshalb hinaus in unseren Alltag – gestärkt durch den Glauben, getragen von der Hoffnung auf Gottes Beistand und bereit, mit unserem Leben ein Zeichen zu setzen: für Ehrlichkeit, für Liebe und für ein Herz, das sich an Gott orientiert.

Möge Gott uns auf diesem Weg begleiten und uns segnen, damit wir mit reinem Herzen und aufrichtiger Haltung leben.

Amen.

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