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Anfangen zu sehen

Predigt am 27. Oktober 2024: 

Es gab da mal einen, der Jahrzehnte als Zimmermann gearbeitet hat.

In der Werkstatt seines Vaters war er Tag für Tag zu finden.

So kannte ihn seine Familie, so kannten ihn die Nachbarn und alle Menschen in seinem Dorf. Er übte den Beruf seines Vaters aus, und das stellte niemand in Frage, weil das alle so machten. Er war eingebunden in die Tradition und lebte eine einfaches, regelmäßiges, unauffälliges Leben.

Aber Gott hatte andere Pläne mit ihm. Als er 30 Jahre alt war, wechselte dieser Mann seinen Beruf und zog los, um seine wahre Berufung zu leben.

Und diese Berufung war ganz außergewöhnlich. Aber sie passte zu diesem Mann. Seine wahren Talente, sein Charisma, seine eigentliche Sendung wurden nach und nach allen klar. Und wer es nicht sofort merkte, der hatte auch noch später die Gelegenheit, die Berufung dieses Menschen zu verstehen.

Liebe Schwestern und Brüder,

der Name dieses ehemaligen Zimmermanns ist Immanuel, das heißt Gott mit uns. Wir kennen ihn auch unter dem Namen Jesus. Mit 30 Jahren machte er sich auf den Weg, brach aus der Tradition aus, verließ die Werkstatt seines Vaters, zog durch die Lande und erzählte den Menschen mit zu Herzen gehenden Worten vom Reich Gottes.

Das kam nicht überall gut an. In seinem Heimatdorf wurde er dafür scharf kritisiert und dort kümmerte man sich nicht darum, was er zu sagen hatte oder welche Wunder er wirkte. Dort waren die Menschen einfach enttäuscht, dass er aus dem uralten Schema ausgebrochen war.

Aber Jesus ging seinen Weg, den Weg Gottes. Und auf diesem Weg begegnete er eines Tages einem blinden Bettler, Bartimäus.

Blind sein zur damaligen Zeit war ein viel härteres Schicksal als heute, wo es so viele Hilfsmöglichkeiten für den Alltag und den Beruf gibt, auch wenn man nichts sehen kann. Als Blinder musste Bartimäus betteln, war auf die Almosen der anderen angewiesen.

Dann kommt Jesus und ändert das Leben dieses Mannes fast im Vorbeigehen.

Bartimäus kann wieder sehen und seinen eigenen Weg gehen. Er kann einen Beruf ausüben und für sich selber sorgen. Er kann seine eigentliche Berufung leben.

Die eigene Berufung leben.

Vielleicht habt ihr euch an der einen oder anderen Stelle selbst erkannt. Bei aller Flexibilität, die wir heute haben und die man auch von uns erwartet, bei aller Freiheit, einen Beruf zu wählen oder ihn auch mehrfach zu wechseln im Lauf des Lebens, gibt es bei uns allen doch Zwänge und Gewohnheiten, die und überfordern gönnen. Erwartungen, die an uns gestellt werden.

Jeder und jede von uns hat Talente und Charismen, die gerne zur Entfaltung kommen möchten, aber durch äußere Zwänge eingemottet im Schrank liegen.

Jesus ruft uns aber zur inneren und äußeren Freiheit auf. So wie er Bartimäus ermutigt hat, seinen Glauben zu erkennen und zu leben und dadurch frei zu werden – und das hat Bartimäus wieder zum Sehen gebracht.

Sehen ist in der Sprache der Bibel nicht nur eine Fähigkeit, Licht und Dunkelheit und Farben und Konturen und Gegenstände und Menschen zu erkennen. Sehen bedeutet, dass einem die Augen aufgehen.

Wer wirklich anfängt zu sehen, entdeckt eine Tiefe in sich, die Sicherheit gibt. Und Zuversicht. Und Selbstvertrauen. Wir spüren unsere eigene Empathie und können sie ausbauen. Wir werden uns selbst bewusst – und dadurch selbstbewusst.

Wenn uns dann noch unser eigener Glaube bewusst wird, der Glaube an diesen dreifaltigen Gott, der uns erschaffen hat und der nichts anderes möchte, als dass es uns gut geht und wir unsere Berufung finden, dann sind wir auf einem wunderbaren Weg.

Dann spüren wir, dass wir ganz persönlich gemeint sind in unserer eigenen Berufung. Dann werden wir freier. Gehen unseren eigenen Weg. Weg vom Müssen, vom Sollen, vom nicht gesehen werden. Hin zu dem, was Gott von uns möchte: Dass wir nämlich so leben, wie er uns erschaffen hat. Nämlich ein Leben, das zwar IN dieser Welt stattfindet, aber nicht VON dieser Welt ist. Ein Leben, das sich befreit von der Abhängigkeit von unendlich viel Geld und Statussymbolen.

Bartimäus hat angefangen zu sehen. Und er folgt Jesus nach.

Fangen wir an zu sehen – mit unseren eigenen Augen, mit unserer Lebenserfahrung – fangen wir an zu sehen, was wirklich wichtig ist im Leben.

Amen.

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