Predigt zum dritten Advent 17. Dezember 2023
Liebe Schwestern und Brüder,
jeder von uns hier hat mal eine Fremdsprache gelernt. Oder auch zwei oder
drei. Manche gar noch mehr. Ich merk es gerade auch beim Lernen der Sprache
hier in Korea – neben dem Pauken von Grammatik geht es beim Lernen der
Wörter auch darum, die Bedeutungen zu unterscheiden.
Das gilt es natürlich dann auch bei unserer Muttersprache zu tun. Meine
Muttersprache ist bekanntlich deutsch, und ich hab schon viel über sie
nachgedacht. In Deutschland ist es ja extrem wichtig, sensibel mit der Sprache
umzugehen.
Ich halte mich selbst für jemanden, dem die richtige Wortwahl sehr wichtig ist.
Aber auch mir passieren Fehler – zum Beispiel weil ich die Geschichte eines
Wortes nicht gekannt habe.
So ein Wort ist mir gestern begegnet. Es ist das Wort „Vorweihnachtszeit“. Ich
habe dieses Wort immer gehört als säkulares Gegenstück zum christlichen
Advent. Und als solches konnte ich es gut stehen lassen, ich hab es sogar schon
verwendet, mindestens wenn es um Menschen ging, die mit der Kirche absolut
gar nichts zu tun hatten – ich will aber auch nicht ausschließen, dass ich das
auch bei anderen Gelegenheiten gemacht habe.
Dennoch hab ich immer gedacht, dass die richtige Bezeichnung dieser Zeit nun
mal „Advent“ ist.
Gestern jedoch stieß ich auf einen Artikel, der mir die Augen geöffnet hat.
Das Wort „Vorweihnachtszeit“ ist ein Begriff aus der Nazi-Zeit, und zwar von
Alfred Rosenberg, einem der führenden Ideologen der NSDAP. Sein Ziel war, die
christliche Weihnacht zu verdrängen. Nur Hitler sollte als der wahre Messias
gelten. Ab Weihnachten 1937 stempelte die Reichspost Briefmarken ab mit der
Aufschrift „Unser Führer der Retter ist da“ – in Anlehnung an „Christ der Retter
ist da“ aus dem Lied „Stille Nacht“. Ab 1942 ersetzte der
„Vorweihnachtskalender“ den Adventskalender.
Und es war kein Geringerer als Dietrich Bonhoeffer, der sich öffentlich über
seine Radioansprachen gegen diese Doktrin wendete. Er warnte vor der
„Vergöttlichung des Führers“.
Bis heute kann man im Internet bei bestimmten völkischen Kreisen solche
„Vorweihnachtskalender“ kaufen.
Liebe Schwestern und Brüder, jede einzelne Sprache auf der Welt kann und
wird missbraucht werden, um andere Menschen zu manipulieren – bis hin zu
völligen Umerziehung weg vom Christentum hin zu nationalsozialistischen oder
anderen menschenfeindlichen und gottesfeindlichen Ideologien.
Wir können uns aber schützen davor. Wir tun das am besten, in dem wir sehr
achtsam und sorgfältig mit unserer Sprache umgehen. Sprache dient der
Kommunikation, und zwar so, dass andere Menschen gefördert und bestärkt
werden und nicht niedergemacht oder manipuliert werden.
Wenn wir unsere Muttersprache nutzen, dann sollen wir das so machen, dass
dem anderen gegenüber respektvoll auftreten. Im Koreanischen gibt es viele
Möglichkeiten dafür, im Deutschen auch. Und dann kommt noch etwas ganz
entscheidendes hinzu: Es geht nicht nur darum, die Worte sorgfältig zu wählen
– es geht zusätzlich darum, das auch mit der richtigen Haltung zu tun.
Über Haltung können wir sehr viel lernen bei Johannes dem Täufer. Er hat auf
die Frage, wer er sei, nicht behauptet, der Messias zu sein. Die Möglichkeit
hätte er gehabt und es gab damals viele, die sich selbst zum Messias erklärt
haben.
Johannes hat das anders gemacht. Er hat sich selbst nicht erhöht, um besonders
gut bei den Menschen angesehen zu sein. Im Gegenteil: Er hat ausdrücklich auf
Jesus verwiesen. Er hat Jesus den Platz gegeben, der ihm zusteht, in dem er
gezeigt hat, wie gering er selbst war.
Nutzen wir diese letzte Woche vor Weihnachten dazu, uns ein wenig bewusst
zu machen, wessen Geburt wir da feiern. Und geben wir all denen, die
versuchen, uns von unserem Glaubensweg abzubringen, keine Chance und
keinen Raum dafür.
Amen.
