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Die Gretchenfrage

Predigt am 29. Oktober 2023 zu Jes 11,6-9

Liebe Schwestern und Brüder,
die Welt entzweit sich. Schon wieder mal. Der Krieg zwischen den Hamas und
Israel löst so heftige Gefühle aus, dass man automatisch in Schubladen
eingeteilt wird. Und es geht dabei sehr ernst zu. Bist du für oder gegen Israel?
An dieser Frage zerbrechen Freundschaften und zerstreiten sich Familien.
Feindschaften wachsen, Menschen bekämpfen sich, es gibt Straßenkämpfe,
weil es verschiedene Sichtweisen gibt.
Das ist aber gar nicht die erste Frage, die wir uns heute stellen sollten.
Unsere Frage sollten wir heute mal bei Goethe nachschlagen. Im Faust sagt
Margarete zu Faust: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Diese Frage ist
so berühmt geworden, dass sie einen eigenen Namen bekommen hat: Es ist die
sogenannte Gretchenfrage. „Wie hast du’s mit der Religion?“
Ja nun – wie haben wir es denn mit der Religion? Wie hat die Menschheit es mit
der Religion? Ganz egal, welche Religion das nun mal ist?
Wer sich selbst als religiös bezeichnet, sollte sich im Klaren darüber sein, was
das bedeutet. Religion – das Wort können wir übersetzen mit „zurück
gebunden sein“. Zurückgebunden nicht als Fesselung, sondern als
fundamentales Bewusstsein, dass ich aus der Quelle meiner Religion lebe.
Schauen wir auf die drei großen Religionen, die wir als monotheistisch
bezeichnen – mit dem Glauben an einen einzigen Gott. Das Judentum hält u.a.
die Thora sehr hoch. Das ist der Name für die fünf Bücher Mose, die in
Abschnitten regelmäßig im Gottesdienst vorgelesen werden. Der Islam gründet
sich auf dem Koran, dessen Suren im Zentrum des Betens stehen. Und wir
Christen haben das Alte und das Neue Testament. Alle drei Bücher erzählen
uns, dass es nur einen Gott gibt und dass es Regeln gibt.
Alle drei Religionen sind Religionen der Liebe. Denn es geht überall um die
Liebe zu Gott und zum Nächsten. Das ist Kernauftrag für uns alle, ob wir nun
Juden, Moslems oder Christen sind. Und daran müssen wir uns messen lassen,
jeweils in unserer eigenen Religion.
Nun spricht aber Margarete, genannt Gretchen, noch weiter: „Du bist ein
herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon“.
Diesen Eindruck kann man gut haben, und ich glaube auch, dass er stimmt:
Viele Juden, Christen und Moslems sagen zwar, dass sie ihrer jeweiligen
Religion angehören, sie halten aber nicht viel davon, das jeweilige Gebot der
Liebe wirklich zu leben. Denn wenn sie es täten, dann würde in allen
Kriegsgebieten sofort ein Waffenstillstand ausgerufen werden. Auf allen Seiten,
egal in welchem Land, sind es Menschen, die einer der großen Religion
angehören.
Es gibt aber immer Gründe dafür, dass der Waffenstillstand nicht ausgerufen
wird. Und diese Gründe sind immer wichtiger als die Liebesgebote der
Religionen. Radikale Positionen, der Kampf gegen eine andere Religion, der
Drang nach Landnahme, die Gier auf Ressourcen und auf unermessliche Macht,
ideologische Grundsätze – und diese Liste ist sicher noch nicht fertig – all das ist
immer wichtiger als innezuhalten und mal den Geist Gottes zu Wort kommen zu
lassen.
Der Prophet Jesaja sagt uns im 11. Kapitel: Der Wolf wohnt beim Lamm und der
Panther beim Böcklein, Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe
kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen
nebeneinander, der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem
Schlupfloch der Natter, das Kind steckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen… denn das Land ist
erfüllt von der Erkenntnis des Herrn (vgl. Jes 11,6-9)
Das sind intensive Bilder, die für Frieden stehen. Und zwar für den Frieden, den
letztlich alle Religionen wollen. Es geht um den einzigartigen und
unübertreffbaren Frieden in Jesus Christus, dessen Namen wir als Christen
tragen, der selber Jude war und der auch vom Islam als besonderer Prophet
verehrt wird, der am Ende der Zeiten der Richter sein wird.
Nun – wie halten wir es mit der Religion?
Als Christen stehen wir in der Nachfolge Christi und sollen zu lebendigen
Zeugen seiner frohen Botschaft werden.
Wenn wir diese Frage also so beantworten können, dass wir unsere Wurzeln
wieder entdecken wollen, wenn wir anfangen, die Liebe zu leben zu Gott und zu
den Menschen, wenn wir bereit sind, immer wieder inne zu halten und dem
Geist Gottes Raum zu geben – dann ist der erste und wichtigste Schritt getan.
Amen.

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