Heute am Karfreitag durch Hannam-Dong zu spazieren ist eine für mich
ungewohnte Erfahrung. Naja, ich bin ja auch erst gut sieben Monate hier im
Land, und ich hab noch viel zu lernen.
Für mich ist es aber einfach ungewohnt, heute, am Karfreitag, genau so viel
Lärm zu erleben wie an jedem anderen Werktag auch.
Die Autos, die Motorräder, die vielen Baustellen, die Hektik – da ist nicht, aber
auch gar nichts anders.
Ich vermisse die Ruhe und die Stille aus Deutschland. Da ist es ein gesetzlicher
Feiertag, in allen Bundesländern. Das zeigt: Eine gewisse Bedeutung hat das
Christentum dort schon noch. Auch wenn es viele Bestrebungen gibt, das zu
ändern. Die einen wollen ausgiebig tanzen, die anderen machen einen Car-
Freitag, dabei steht das englische Wort CAR für AUTO – es soll ein Tag der
Automobilfans werden, auch der Tuner und ebenfalls gibt es zunehmend
illegale Autorennen. Beliebte Treffpunkte sind in Osnabrück, in Hannover,
Paderborn, in Limburg und es werden immer mehr.
Das alles zeigt, dass es nicht mehr viel Verständnis für den Tod Christi am Kreuz
gibt.
Und hier in Korea, wo die Christen sowieso in der Minderheit sind, sind ganz
andere Feiertage wichtig, wie Seollal oder Chuseok.
Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: entweder schließen wir uns
denen an, die den Tag immer mehr in die Verbannung schicken wollen, die am
liebsten vergessen wollen, was damals geschehen ist – oder es schon vergessen
haben – oder wir suchen einen anderen Weg, als Christin, als Christ den
eigenen Glauben zu leben, zu intensivieren, zu verstehen – den Glauben
nämlich, dass Christus für uns am Kreuz gestorben ist. Er hat für uns gelitten,
und er ist für uns gestorben, weil wir uns immer wieder von Gott entfernen,
weil wir immer wieder taub werden für sein Wort, weil wir immer wieder
Schuld auf uns laden.
Gott wollte, dass Jesus Christus uns erlöst durch seinen Tod am Kreuz und
durch die Überwindung des Todes in der Auferstehung. Damit ist ein für alle
Mal geklärt, dass wir tatsächlich erlöst sind – und die Vollendung dieser
Erlösung feiern wir in der Osternacht und am Ostersonntag und dann 50 Tage
lang bis Pfingsten und dann immer wieder neu. Jeden einzelnen Tag.
Wenn wir uns das klarmachen, wenn wir das wirklich glauben , dann hat das
Einfluss auf unser ganzes Leben. Dann hat das Einfluss darauf, wie wir die
einzelnen christlichen Feiertage sehen und erleben. Und dann hat das erst
Recht Einfluss darauf, wie wir den Karfreitag sehen.
Natürlich ist das hier in Korea so, dass aufgrund der Geschichte dieses Landes
der Karfreitag ein ganz normaler Tag ist. Das ist er aber nicht für uns.
Und daher habe ich drei Vorschläge, den Karfreitag zu begehen:
1. Wir schalten einen Gang runter. Nicht alles, was wir sonst jeden Tag
machen müssen oder machen wollen, muss heute geschehen. Gönnen
wir uns ein paar Minuten für Christus.
2. Wir sprechen ein Gebet am Morgen und eins am Abend. Und wenn wir
das heute morgen vergessen haben, dann können wir es doch heute
abend machen. Und morgen früh, am Karsamstag, ebenfalls.
3. Wir nehmen uns Zeit füreinander. Jesus möchte, dass es uns gut geht.
Seine Erlösung betrifft nicht nur unsere Schuld. Seine Erlösung betrifft
unser ganzes Leben. Und wir sind nicht dafür gemacht, alleine zu sein
oder jeder macht irgendetwas für sich allein. Erlösung heißt: Zurück zu
kommen zum Leben. Das Leben neu geschenkt bekommen. Das ist heute
am Karfreitag sehr schwer, gerade bei den Bibeltexten, die wir gehört
haben. Aber diese Bibelstellen sind Teil der Heiligen Schrift, sind Gottes
Wort, das uns in Menschenwort präsentiert wird.
Es ist Karfreitag. Teil zwei der Heiligen Drei Tage. Wir feiern im Grunde einen
einzigen Gottesdienst, von Gründonnerstag über heute bis zur Osternacht.
Bleiben wir dran.
Amen.
Ein Gang runter für Christus

