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Predigt am 02.11.2022 beim Trauer- und Erinnerungsgottesdienst nach der Katastrophe von Itaewon

Liebe Schwestern und Brüder hier vor Ort in der International Catholic Church in Seoul, in Korea, in Deutschland und Österreich, in Singapur und in Thailand, in weiteren Ländern Asiens und wo auch immer Sie sich heute zugeschaltet haben.

„Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“ So schrieb der Prophet Jesaja einst, und er zitierte damit Gott selbst. Gott spricht mich, spricht Sie, spricht uns alle an, und zwar mit unserem Namen. Mein Name gehört unlösbar zu mir und meiner Persönlichkeit, meinem Charakter, meinen Talenten und meinen Grenzen. Und ich selbst gehöre mit meinem Namen und meiner ganzen Seele, meiner ganzen Existenz, zu Gott, der nichts anderes will, als mir seine große Liebe zu zeigen und mich mit seiner zärtlichen Fürsorge zu umhüllen. Darauf dürfen wir aus ganzem Herzen vertrauen.

So sollte unser Leben sein: Tagtäglich zu spüren, dass Gott meine Stütze und mein Fels ist, dass mir nichts passieren kann. Als lebenserfahrene Menschen wissen wir aber, dass wir ganz andere Erfahrungen machen, machen müssen.

Der Verlust von geliebten Menschen ist oft nur sehr schwer auszuhalten. Dies gilt vor allem, wenn es sehr plötzlich geschieht, auch unter Umständen, die wir nicht beeinflussen konnten.

Manche Menschen können sich auf den Tod vorbereiten, anderen ist das nicht vergönnt.

Ich denke an plötzliche schwere Erkrankungen, die in kürzester Zeit das Leben beendet haben.

Ich denke an tödliche Auto- und Motorradunfälle.

Ich denke an das große Unglück vor einem Jahr, als nicht weit von hier, in Itaweon, 159 Menschen in einer Massenpanik ums Leben gekommen sind.

Und immer ist da diese Frage nach dem Sinn. Keiner von uns hat eine unmittelbar zu verstehende Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Leid, von Tod und von Trauer, besonders unter solchen Umständen.

Und das macht es uns oft so unendlich schwer. Wie gehen wir damit um? Wie können wir uns helfen?

Ich finde, dass es gut tut, wenn wir uns über drei Punkte klar werden.

Der erste Punkt ist:
Auch wenn ich mich so fühle, bin ich nicht allein. Es mag sein, dass ich alleine im Raum sitze, dass ich alleine durchs Leben gehe, dass niemand mit mir darüber spricht, wie es mir geht. Das alles kann sehr schwierig sein. Dennoch gibt es sehr viele Menschen, die ähnlich fühlen, ähnlich denken, eine ähnliche Sehnsucht haben. Menschen, die ähnlich sprachlos sind, die überwältigt sind von ihren Gefühlen, die Wut und Trauer und Hilflosigkeit und Lähmung spüren.

Auch wenn ich diese Menschen nicht unbedingt persönlich kenne – es gibt sie, vielleicht schon neben an im nächsten Apartment. Und ich werde ich dann herausfinden, wenn ich versuche, ein gutes Miteinander zu pflegen, den anderen Menschen in Liebe begegne, offen bin für ihre Anliegen. Dann eröffnen sich manchmal ganz neue Themen – und entsteht eine neue Verbundenheit.

Der zweite Punkt:
Wir können uns die Frage stellen: Aus welcher Kraft lebe ich? Wie sah mein Alltag aus, bevor ich diesen geliebten Menschen verloren habe? Woran kann ich mich festhalten? Gibt es ein Hobby, das ich wieder aufgreifen kann? Tut mir Musik hören gut? Hilft mir der Sport? Oder eine Tasse Tee? Jeder und jede von uns ist anders, hat andere Möglichkeiten und Ideen und ist anders kreativ. Wie kann ich mir selbst helfen? Kann ich einen neuen Alltagsrhythmus finden, der mir Struktur gibt? Wer könnte mir dabei helfen?

Und der dritte Punkt, über den es sich lohnt nachzudenken:

Wie sieht meine Verbindung zu Gott aus? Sehe ich Gott als den an, der mich erschaffen hat und der möchte, dass ich das Leben habe, das Leben in Fülle?

Wie sieht meine Verbindung zu Jesus Christus aus, der für mich gestorben und auferstanden ist und der mich erlöst hat? Der an meiner Seite steht als mein Bruder und Freund?

Wie sieht meine Verbindung zum Heiligen Geist aus, der mir meine Kreativität gegeben hat, meine Talente, meine neuen Ideen, der mich erfüllen möchte mit seiner Kraft und seiner Liebe?

Unser dreifaltiger Gott ist ein solidarischer Gott. Er ist uns treu, und er hilft uns in den dunklen Zeiten unseres Lebens, zumindest den Ort zu sehen, an dem ich den nächsten Schritt machen kann. Und der zugleich mein bester Freund ist, der mich aushält, mit all meinen Zweifeln. Ja, es ist oft dunkel in unserem Leben. Wir dürfen, ja wir sollen uns aber immer wieder sagen – einander und jeder für sich: Es wird nicht dunkel bleiben. Amen.

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