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Dein Glaube hat dir geholfen

Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis C  zu Lk 10,25-37

Jesus ist im Grenzgebiet von Galiläa und Samaria unterwegs. Das ist viel, viel mehr als eine Ortsangabe, die wir im Bibellexikon nachschlagen könnten. Dieses Grenzgebiet ist vor allem das Gebiet, in dem zwei Überzeugungen, zwei Glaubensrichtungen aufeinander prallen:

Die Judäer prallen auf die Samariter. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Gruppen sind die Orte, an denen sie ihren Gottesdienst feiern – und beide betonen natürlich, dass sie allein recht haben und nur ihr Kult-Ort der richtige ist.

Die Samariter feiern ausschließlich auf dem Berg Garizim bei Sichem, die Judäer feiern am Berg Zion in Jerusalem. In der Zeit vor Jesus standen auf beiden Bergen jeweils ein Tempel, aber beide wurden zerstört im Laufe der Zeit: der Tempel der Samariter wurde von den Judäern zerstört, und der Tempel der Judäer im Jahr 70 nach Christus von den Römern. Beide Konfessionen beten bis heute an den beiden heiligen Stätten, an denen aber kein Tempel mehr steht. Und beide sind der Auffassung, dass sie alles richtig machen, die anderen aber nicht.

Dass Menschen unterschiedlicher Auffassung sein können, ist bekannt. Das gilt natürlich auch für den Glauben. Verschiedene Interpretationen der selben biblischen Texte führen zu unterschiedlichen Sichtweisen und zu einer unterschiedlichen Glaubenspraxis. Mein früherer Professor für Bibelwissenschaft, Herbert Leroy, hat zu diesem Konflikt immer gesagt: Die anderen – das sind die mit dem falschen Gebetbuch! (Natürlich immer nur die anderen!)

Nun ist Jesus in diesem Grenzgebiet unterwegs. Man könnte also auch sagen: Er ist unterwegs im Spannungsfeld von zwei Konfessionen, von zwei Bekenntnissen. Oder: er ist gerade bei den Menschen, die nicht im Mittelpunkt stehen, die nicht voll und ganz „SAMARITANISCH“ sind, oder voll und ganz „JUDÄISCH“ sind.

Bei den Menschen, die am Rande beider Überzeugungen stehen – oder von den Glaubenshütern beider Seiten nicht geduldet sind, weil sie nicht hundertprozentig konform sind.

Im Grenzgebiet unterwegs zu sein, das heißt also: bei den Menschen zu sein, die ausgeschlossen sind oder sich ausgeschlossen fühlen.

Und Jesus ist mitten drin.

Er macht die Augen auf und sieht diese Menschen am Rand.

Und da gibt es auch kranke Menschen. Menschen, die aufgrund ihres Aussatzes, weil Ansteckungsgefahr besteht, nicht bei den anderen sein dürfen.

Auch kranke Menschen sind nicht konform. Kranke Menschen passen nicht dazu – erst recht, weil sie ja nach der Lehre der Pharisäer selber für ihre Krankheit verantwortlich sind, denn Krankheit war nach ihrer Überzeugung immer eine Folge der Sünde.

Daher müssen solch kranke Menschen auch ausgeschlossen werden – man könnte sich ja auch an ihrer Sündhaftigkeit anstecken. Eine Lehre, die Jesus stets vehement abgelehnt hat.

Und Jesus sieht – urteilt – und handelt.

Er sieht die Not der Menschen. Er urteilt: Hier muss etwas geschehen. Und er handelt: Er heilt sie.

Es sind gleich 10 Menschen, die er heilt. Aber nur einer kommt zurück. Und der, der zurückkommt, ist ausgerechnet der von der anderen Glaubensüberzeugung, ein Samariter. Der mit dem falschen Gebetbuch – der soll der sein, der verstanden hat, worum es Jesus geht?

Schauen wir uns an, was da eigentlich passiert.

Zunächst hat Jesus Mitleid mit diesen Kranken, mit diesen am Rande zweier Gesellschaften stehenden Menschen.

Ich denke, dass Mitleid eines der wesentlichen Kennzeichen eines christlichen Lebens sein muss. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Mitleid und Mitleiden. Wer Mitleid hat, hat immer noch die Kraft zum handeln, zum helfen und da sein. Wer aber mitleidet, der ist persönlich so stark involviert, steckt so tief in der Geschichte drin, dass er die nötige Distanz verliert und damit auch den Blick dafür, was notwendig ist. Er braucht dann selber Hilfe.

Also Mitleid haben – und dann handeln. Das ist sicher das erste christliche Kennzeichen des heutigen Evangeliums.

Als zweites stelle ich fest, dass Jesus von diesem einen, der da zurückkommt, ein Dankeschön bekommt. Wo sind die anderen neun? Wäre es nicht ganz normal, dass sich alle 10 bei Jesus bedanken?

Nun, ich denke, dass dieser Text schlicht und ergreifend aus dem Leben spricht. Denn damals wie heute war und ist es nicht üblich, danke zu sagen. Dabei gehört das sicherlich auch zum Christsein azu: Einander zu danken für das, was an großen oder kleinen Dingen füreinander getan wird.

Vielleicht haben die neun anderen auch noch gar nicht begriffen, was da passiert ist? Vielleicht sind sie so wie viele andere Menschen, die gar nicht mehr bemerken, dass Jesus Christus, dass Gott in ihrem Leben da ist, dass er ihnen gut tut?

Ein dritter Punkt ist schließlich der Schlusssatz, den Jesus zu dem Samariter spricht: Steh auf und geh, dein Glaube hat dir geholfen.

Da wird nun klar, warum dieser eine nun zurückkommt zu Jesus.

Er, der bisher ausgestoßene, der am Rande jener beiden Gesellschaften lebte, hat erfahren, dass Jesus ihm einen neuen Weg geöffnet hat. Er hat ihn heil gemacht – heil an Leib und heil an der Seele. Er hat begriffen und er hat erfühlt, dass in der Begegnung mit Jesus Christus das Heil in die Welt gekommen ist, das Heil in seine eigene Welt, in sein Leben hinein.

Und das bezeichnen wir letztlich als die Gnade Gottes. Gnade Gottes ist das Geschenk, das wir durch Jesus Christus erfahren dürfen: das Heil, das in unser Leben hineinkommt und uns froh macht.

Der Samariter hat sich eingelassen auf einen neuen Weg – auf den Weg, der letztlich auch die Granzen zwischen verschiedenen Konfessionen überwinden wird. Die anderen neun sind noch nicht soweit. In ihnen muss die Zusage Gottes, das Heil durch Jesus Christus in der Welt, erst noch Fuß fassen– ich hoffe, sie finden ihren Weg zu Jesus Christus.

Gehören wir zur Gruppe der neun, – oder machen wir uns auf, auf zu Jesus, unserem Heil?

In welchem Randgebiet der Gesellschaft wir auch stehen, wer auch immer uns das Gefühl gibt, wir seien ausgeschlossen – wir haben auch dort die Gelegenheit, diesem Jesus Christus zu begegnen, ihm, der Mitleid mit uns hat, mit unseren Nöten und Ängsten, ihm, dem wir danke sagen können, und ihm, dem wir glauben, dass er unseren Weg begleitet.

Steh auf und geh – dein Glaube hat dir geholfen. Nehmen Sie dieses Wort mit in den Sonntag, in die neue Woche, mit in Ihr Leben hinein, wie auch immer dieses Leben gerade ist.

Amen.

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