Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis C zu Lk 16,19-31
Eigentlich könnten wir uns heute weitere Worte sparen –
dieses Gleichnis Jesu ist doch drastisch genug! Ganz raffiniert hat er uns in seine Geschichte verwickelt. Ehe wir uns versehen, haben wir uns mit dem armen Lazarus solidarisiert und können scharf urteilen: Weil der Reiche nichts abgab, muss er jetzt schmoren. Wer nicht hören will, muss fühlen! Wehe ihr Reichen! Ihr werdet schon sehen, was euch blüht.
Drei, vier Sätze – und schon sind wir wieder draußen aus dieser Geschichte. So drastisch sie auch erzählt, so wenig erschüttert sie uns vermutlich – vergleichbar den Menschen, die sich damals nicht von den Worten Mose und der Propheten bewegen ließen. Was ist es, das uns selbst die schrecklichen Höllenqualen, die Stoff unserer Albträume sein könnten, so schnell vergessen lässt?
Mir sind drei Ausflüchte aufgefallen, die mich Auswege aus Jesu Gleichnis lassen. Und weil ich vermute, dass sie für uns alle verführerisch sind und um die Chance dieses Evangeliums bringen können, möchte ich sie ein wenig beleuchten.
Das erste Schlupfloch,
das unser Hang zum Ausweichen wohl entdeckt, ist die Beschreibung des Reichen: In Purpur und feines Leinen kleidet er sich, lebt Tag für Tag herrlich und in Freuden.
Nein, so reich bin ich nicht. Bei mir gibt’s weder Purpur noch tagtäglich Herrlichkeit und Freude. Da muss von einem anderen die Rede sein. Und schon bin ich draußen.
Aber so einfach möchte ich mich und Sie heute nicht entkommen lassen.
Jesus stellt in seinem Gleichnis einen Vergleich an: Ein paar Meter neben diesem armen Lazarus sitzt einer in seinem Haus hinter verschlossener Tür und hört und sieht nichts, weil er sich selbst genügt: Wie anders sollte man ihn nennen im Vergleich zu Lazarus als eben reich? Und wie anders sollte man im Vergleich zu uns manchen Menschen nennen, der in unserer Nähe lebt, aber nicht genügend zum Leben hat, an Auskommen, an Mut, an Zuneigung, wie anders sollte man ihn nennen uns gegenüber als eben arm?
Also bin ich vielleicht doch auch ohne Purpur ein Reicher? Worauf Jesus mich aufmerksam macht, ist nicht zuerst mein Bankkonto: Es ist meine Selbstgenügsamkeit, die mich taub und blind macht für den, der mich – vielleicht nicht einmal nur finanziell – braucht.
Die Hunde haben kein Geld, tun aber, was sie können, rechnen Lazarus, den armen »Hund«, wohl schon zu ihresgleichen, obwohl er doch zu uns gehört, ein Mensch, der nicht allein leben kann, wie du und ich. Doch das alles merkt der Reiche nicht. Er erlebt die Konsequenzen ja erst nach dem Tod.
Und genau hier tut sich klammheimlich mein zweiter Fluchtweg auf:
Die Folgen meiner Selbstgenügsamkeit rücken in weite, jenseitige Ferne – alles Zukunftsmusik! Und von Weitem, von außerhalb dieser Welt, berühren mich selbst Höllenqualen kaum mehr.
Dann ist da noch die alte pharisäische Versuchung, dass es am Ende doch auch dem armen Lazarus gut geht. Jenseits darf er, von Engeln getragen, in Abrahams Schoß wohnen, wird für alles getröstet – jenseits. Eine heimtückische Vertröstung ist das, die den »Lazarussen« wenig hilft, die vergleichsweise Reichen aber über die bekannte Not hinwegtröstet und mit dem Anblick der Geschwüre anderer ruhig leben lässt.
Auch diese heimliche Ausflucht möchte ich mir und Ihnen heute erschweren: Das Gleichnis Jesu will keine Wirklichkeit nach dem Tod beschreiben, will nicht Himmel und Hölle ausmalen. Es kritisiert sogar die pharisäische Vergeltungslehre, wonach Reichtum ein Zeichen des Wohlgefallens Gottes ist, Armut und Krankheit aber Strafe für die Sünde. Diese Art, Leben zu bewerten, durchbricht Jesus ebenso wie die Tendenz, kranke oder leidende Menschen zu vertrösten.
Nein: Er meint unser Hier und Jetzt.
Jetzt haben wir die Möglichkeit, die Tür zu öffnen. Hier können wir auf den Armen zugehen, von dem uns nur wenige Schritte trennen. Jetzt und hier kann ich Mensch mich dem anderen Menschen zuwenden, menschlich, menschenfreundlich.
Keiner von uns hat seinen eigenen Anfang bestimmt. Und jeder und jede von uns kommt an den Punkt, an dem uns alles aus der Hand genommen ist. Ich öffne die Tür ins Leben nicht selbst.
Ich kann sie auch nicht offen halten, und wenn ich gestorben und begraben bin, kann ich sie nicht mehr öffnen. Jeder und jede von uns ist ein armer Lazarus, der vom reichen Gott Leben braucht und Leben erwartet. Von ihm erhoffen wir, dass er den für uns unüberwindlichen Abgrund überschreitet und uns an seiner Lebensfülle teilhaben lässt. Von ihm erhoffen wir, dass er die Verheißung wahr macht, die in diesem Namen »Lazarus« steckt: denn dieser Name heißt, wenn wir ihn wörtlich übersetzen: Gott hilft. Aus der Androhung von Strafe und von Höllenqualen entspringt keine Liebe. Aber wenn wir aus dieser Hoffnung leben, dass Gott, der in richtiger Weise REICH ist, sich uns Armen zuwendet und uns Leben schenkt, können wir uns dann noch den Menschen, die uns gegenüber arm sind, verschließen? Kommt uns nicht aus dem Erbarmen Gottes Freude und Liebe, Kraft und Mut zur Barmherzigkeit? Zu einer Menschlichkeit, die uns Gottes Nähe und Zuwendung erschließt?
Vielleicht wird dies durch ein drittes Ausweichmanöver …
unsererseits verhindert: Wir suchen Sicherheit. Wir wollen es mit Brief und Siegel zugesichert, das Erbarmen Gottes, sein Geschenk des Lebens. Es müsste einer von den Toten kommen, der bezeugt, dass sich die Mühe lohnt. Dann, ja dann setzten wir wohl alles daran.
Aber so, wo doch unter uns oft genug der Selbstlose als der Betrogene erscheint?
Diese Möglichkeit, uns herauszunehmen, bleibt uns. Auch nachdem einer, Jesus Christus, von den Toten auferweckt wurde. Den schlagenden Beweis, dass sich Glaube und Mitmenschlichkeit lohnen, gibt es nicht. Menschen werden immer vernünftige Gründe und Vorwände finden, sich gerade heute nicht zu verändern. Aber wir haben auch diese lockende Möglichkeit des Weges Jesu, des Weges, der zum Leben führte. Des Weges der Liebe und der Hingabe. Des Weges des Teilens.
Wenn wir diesem Evangelium nicht ausweichen, wenn wir den Lazarus vor unserer Tür wahrnehmen, den gegenüber mir Armen, der mich braucht, wenn wir die Schwelle zu ihm überschreiten, dann gehen wir den Weg Jesu und er wird uns begegnen und sein Leben wird Gewissheit und seine Wahrheit bewährt sich. Sich öffnen für den anderen ist ein Wagnis auch gegen unsere Angst, den Kürzeren zu ziehen, doch es ist getragen von dem Gott, der sich für uns geöffnet hat.
In diesem Gottesdienst bricht er uns das Brot. Er öffnet die Tür und gibt uns von seinem Tisch aus sein Erbarmen. Der reiche Gott beschenkt uns mit dem Brot des Lebens, damit wir schenken. Der reiche Gott gibt sich, damit wir uns geben. Der reiche Gott ist mit uns, damit wir mit den Menschen sind. Nicht erst am Ende beginnt unsere Lazarus-Geschichte, unsere »Gott-hilft«-Geschichte: Er möchte uns jetzt und hier anstecken zu sehen, zu teilen und zu lieben, Leben zu finden, ein Leben, das nicht wirklich erfüllt sein kann , solange ein Armer vor unserer Tür liegt.
Amen.
